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Website Usability-Test in 15 Minuten: carsharing.at

von Markus Pirker am 26. März 2012

2 Kommentare zuletzt von Markus

Die Startseite von www.carsharing.atWir waren letzte Woche am Barcamp in Salzburg und haben dort für die Teilnehmer die Website von carsharing.at live getestet. Ziel der ganzen Sache war zu zeigen, dass solche Guerilla Usability-Tests immer Erfolg liefern und weder teuer noch zeitaufwendig sein müssen. Wir hatten für unseren Test 15 Minuten Zeit und haben trotzdem einiges gefunden.

Worum geht es hier?

Wir starten unsere Reise auf der Startseite. Ich frage unseren Tester, welches Ziel die Seite seiner Meinung nach verfolgt.

„Hier geht es um Carsharing. Die Seite ist primär dafür da, um sich anzumelden Die Aufgabe der Seite? Das man sich auf der Straße ein Auto sucht. Diese Seite ist um Rechnungen einzusehen, Anmeldeprozesse durchzusehen.“ Unser Tester

Er hat offenbar erkannt, dass er eine Carsharing Seite vor sich hat und meint die Hauptaufgabe der Seite ist vor allem eine verwaltungstechnische (Anmeldung, Rechnungen einsehen).

Die Aufgabe

Nach dem ersten Eindruck, möchte ich sehen, wie unser Tester weiter mit der Seite umgeht. Um Menschen bei der Verwendung einer Seite zu beobachten, braucht es ein erreichbares Ziel.

„The trick is to make sure the tasks you test reflect your user’s actual goals, not just your idea of what they want to do.“ Steve Krug in Rocket Surgery Made Easy

Ich entscheide mich für ein möglichst realitätsnahes Szenario. Die Rückkehr von der Veranstaltung nach Hause.

„Stell dir vor, du kommst aus Graz, und möchtest nach der Veranstaltung hier in Salzburg nach Graz zurück. Du bist mit dem Zug um etwa 50 EUR von Graz nach Salzburg gefahren. Du suchst eine Alternative zum Zug, ein Freund hat dir Carsharing vorgeschlagen. Du möchtest wissen, ob es in deiner Situation besser ist mit dem Zug zu fahren oder das Carsharing auszuprobieren.“ Die Aufgabe

System-Sprache

Unser Tester bemerkt in der Detail-Ansicht eines Standortes das Feld ID. Systemsprache auf carsharing.at

Eine System-ID interessiert Programmierer, keine Benutzer

„Hier steht jetzt eine ID. Anscheinend benutzen die für die Standorte IDs. Ich nehme an, dass ich mir die irgendwie merken und irgendwo eingeben muss.“ Warum eingeben? „Weil ich sonst nicht verstehe, warum sie sonst da ist. Wen interessiert das? Blöde Zahl.“

Ein „menschliches“ Interface sollte immer die Sprache des Benutzers sprechen. Eine ID interessiert den Programmierer, der auf eine Datenbank zugreift, aber nicht den Benutzer. Hier lenkt das Feld ID nicht nur vom restlichen (wichtigeren) Inhalt ab, sondern verwirrt noch zusätzlich. Die Nummer wäre ja nicht angegeben, wenn ich sie nicht irgendwo wieder benötigen würde, oder?

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Bitte warten. 27 Sekunden lang

Nach dem Klick auf den Punkt „Fahrzeuge“ passiert erstmal nichts. Was wir während des Barcamps auf eine schlechte W-LAN Verbindung geschoben haben, stellt sich im Nachhinein als eine enorm langsame Seite heraus.

Die Unterseite „Fahrzeuge“ benötigt laut Apple Web-Developer Tools fast 27 Sekunden um zu laden. (Wer viel Zeit hat, kann es gerne hier live ausprobieren)

Performanceprobleme auf carsharing.at

Die Unterseite Fahrzeuge von carsharing.at braucht 27 Sekunden um zu laden

Laut einer in den USA durchgeführten Studie verlässt einer von 4 Besuchern die Seite, sobald sie mehr als 4 Sekunden zu laden benötigt. Interessant wäre zu messen, ob nach 22 Sekunden Wartezeit bis jetzt irgendjemand auf dieser Seite verblieben ist.

Preisvergleich

Unser Tester ist noch immer auf der Suche nach dem Preis um ein Auto auszuleihen. Er findet eine erste Preisangabe neben dem gerade gewählten Fahrzeug. Doch die Angaben bereiten ihm Kopfzerbrechen. Preisbeispiele auf carsharing.at

Als Preisbeispiele sind Geschäftstermin und Besuch bei Freunden angegeben

Unser Tester bemerkt, dass ihm die Beispiel-Angaben nicht weiterhelfen. Die Fahrt von Salzburg nach Graz dauert etwa 2.5h und 300km - keine der Angaben passt auf seine konkrete Anforderung.

„Besuch bei Freunden… Ist es auch nicht! Ich will nach Graz und keine Freunde besuchen“

Für das Ausrechnen der entgültigen Kosten auf einer anderen Seite benötigt er als Hilfsmittel den Rechner - kein Beweis für eine durchsichtige Preisgestaltung.

Einfach testen - Das Ende der Reise

Unser Tester entschließt sich trotz unpassender Preisangaben für den Klick auf den roten Call-To Action Button „Einfach testen“. Ich frage ihn, was er nach dem Klick erwarten würde, „Anmelden, Aussuchen, Losfahren“ antwortet er.

Tatsächlich landet er auf einer „leeren Seite“ mit noch einem Link.

Testreservierung und Kalkulator. Das hätte ich zwei Schritte vorher gut gefunden“

Doch der weitere Link führt ins Leere. 404 - Not Found. Das Ende der Reise für jeden motivierten Car-Sharing Interessierten. Wenn er nach den 27 Sekunden Wartezeit überhaupt noch auf dieser Seite ist.

Fazit

Wir haben die Seite mit einer einzigen Person 15 Minuten lang getestet. Gefunden haben wir irreführende Navigationspunkte, enorme Performance-Probleme, undurchsichtige Preisgestaltung und eine nicht vorhandene Seite mitten im Bestell-Prozess. Und das live auf der größten Seite für Carsharing in Österreich.

Es ist immer wieder überraschend mit welchem minimalen Aufwand man durch User-Tests Probleme auf Websites aufdecken kann. Dazu braucht es weder viel Zeit noch viel Budget. Im konkreten Fall waren es 15 Minuten und ein dankbares Händeschütteln mit unserem Tester.

In eigener Sache

Wir sind immer gerne offen für Vorschläge von Websites für unsere nächste Test-Session. Kontaktiert uns dazu gern hier über den Blog oder per Mail.

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Bisher 3 Kommentare

  1. Pingback Website Usability-Test in 15 Minuten: carsharing.at | Simplease Blog | UXWeb.info26. März 2012

    […] dort für die Teilnehmer die Website von carsharing.at live getestet. Ziel der ganzen Sache war zu Link – Trackbacks Posted in User experience (UX) | Permalink. ← .@jaclynknapp You liked […]

  2. Raphael22. Mai 2012

    Sehr schöner Minitest. Ich habe mich ein bisschen auf der Seite umgesehen - ihr hättet mich keine 15 Minuten draufbehalten können ;) Diese enormen Performance-Probleme müssen ja zu einer wirklich tragisch auffallenden Dropout-Rate führen. Ich schätze nicht, dass deren Webdeveloper sich wirklich um die Seite kümmern, braucht man doch keinen Usabilitytest, um diese Probleme zu bemerken.

    lg

  3. Markus22. Mai 2012

    Mich würde wundern, wenn es überhaupt jemand durch den Checkout geschafft hat, die 404-Seite gibt es schließlich auch noch immer…

Du hast eine Meinung dazu? Wir freuen uns :)

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