Simplease-Logo

Im Simplease-Blog schreiben wir über Design, Web-Entwicklung und unser Leben als Selbstständige.

iPhone 5s - Interface Design, das betrügt

von Markus Pirker am 15. September 2013

1 Kommentar von Ny24

Apple ist bekannt für sein reduziertes und fehlertolerantes Interface-Design. Mit der Einführung des Fingerabdruck Scanners „Touch ID“ hat sich jetzt aber einiges geändert.

Neu im iPhone 5s - Einkäufe bestätigen mit Touch ID

Jetzt sind die also da die neuen iPhones. In Regenbogen und Prestige-Edition. Mit dazugehörigen Marketing-Videos und philosophischen Höchstleistungen über Plastik. Wie immer ist auch Chef-Designer Jony Ive mit von der Partie und lobt die Rücksichtnahme auf die Benutzererfahrung in höchsten Tönen:

„Every single component, every process has been considered and measured to make sure that it is truly useful and that it actually enhances the user’s experience“. Jony Ive im Marketing-Video des iPhone 5s

Auch wenn wir es dem Mann mit dem verzwickten Blick und dem immergleichen T-Shirt gerne glauben wollen – Apple ist keineswegs immer und ausschließlich auf die „User-Experience“ fokussiert. Wie bei jedem Unternehmen zählen manchmal doch wirtschaftliche Interessen mehr als das Wohl der Benutzer.

So erlaubt beispielsweise „Ad-Tracking“ seit geraumer Zeit iPhone-Benutzer eindeutig zu identifizieren - um Ihnen so noch maßgeschneiderte Werbung zu schicken. Standardmäßig ist diese Funktion aktiv. Das Abschalten dieses „Features“ ist natürlich möglich, Apple macht aber durch den abenteuerlichen Weg dortin klar, das es das nicht unbedingt gern hat. Werden Interfaces absichtlich „schlecht“ gestaltet um den Benutzer möglichst so zu manipulieren, dass er zum Vorteil des Unternehmens handelt und nicht zu seinem eigenen, sprechen wir von Dark Design.

Beispiele für „Dark Design“ sind E-Mails, die uns falsche Tatsachen vorgaukeln, trickreiche Newsletter-Anmeldungen oder versteckte Kosten während einer Hotelzimmer-Buchung. Oder eben auch das neue TouchID-Feature des iPhone 5s.

Touch ID ist ein neuer Sensor unter dem Home Button des iPhones 5s. Dieser Sensor ist in der Lage den Fingerabdruck des Benutzers zu erkennen um so beispielsweise das iPhone zu entsperren oder auch Einkäufe im App-Store zu bestätigen.

6 Jahre Home-Button

Doch vorher noch kurz zum Home Button. Seit dem iPhone der ersten Generation, das 2007 auf den Markt kam ist dieser Button in Position, Form und Funktion unverändert geblieben. Er findet in jedem mobilen Gerät von Apple Verwendung und ist Mitgrund dafür, warum die Benutzung von Apple-Geräten als so einfach und intuitiv empfunden wird. Die Frage, welcher der möglichen Buttons denn jetzt wieder der richtige für „Zurück“ ist, stellt sich hier wie auf anderen Geräten nicht. Home sweet Home. Seit 6 Jahren drücken wir diesen Button. Mehrmals am Tag. Auf jedem unserer Apple Geräte. Mit immer dem gleichen Ergebnis. Macht wahrscheinlich einige tausend Male an gesammelter Konditionierung. Pavlov wäre stolz auf uns.

Der Home Button auf einem iPad. Foto von William Hook

Hier kurz die Möglichkeiten, die wir mit unserem Home-Button bis heute hatten:

1x kurz drücken - Bildschirm aktivieren (Standby) oder zurück auf Home-Screen
1x lang drücken - Sprachsteuerung Siri aktivieren
2x drücken - Möglichkeit Apps ganz zu beenden

Neu: Einkaufen mit Home

Mit Touch ID kommt eine neue Interaktionsmöglichkeit dazu: Lege ich meinen Finger auf den Home-Button, kann ich dadurch ohne Eingabe meines Passworts einen Kauf im AppStore bestätigen. Das eine neue Art der Interaktion, die es bislang in den letzten 6 Jahren des Home-Buttons nicht gab. Wir haben unseren Home-Button bis jetzt noch nie verwendet um eine Aktion zu „bestätigen“. Schon gar nicht um damit einzukaufen.

Was heißt das konkret? Man stelle sich das folgende Szenario vor: Ich habe gehört, dass Fast Company Magazine nun eine iPad App hat. Suche im App-Store. Finde die App, Überlege mir sie zu kaufen. Sehe den Preis - nein 15 EUR für die Subscription sind mir doch viel dafür und eigentlich wollte ich ja nur E-Mails checken. Finger auf den Home-Button. Touch. Gekauft. 15 EUR weniger am Konto und eine 1-Jahres -Subscription gekauft. Die sich auch noch automatisch verlängert. Dumme Sache.

Man kann jetzt argumentieren, dass man den Button offenbar ja nicht „Drücken“ sondern nur „Berühren“ muss - diese Art der Interaktion gab es so ja mit dem Home-Button noch nicht. Apple spielt hier aber mit 6 Jahren angelernter Erfahrung, die Fehlverhalten nur so provoziert. Außerdem könnten die zwei Aktionen die man hier potentiell verwechselt kann, widersprüchlicher nicht sein - Geld ausgeben oder eben nicht.

Möglicherweise ist dieses Problem nicht so extrem wie ich es darstelle. Möglicherweise liefert Apple ausreichend Feedback im Interface. Möglicherweise reicht es vorher 2x auf den Preis tippen zu müssen. Das Video zeigt auch das heile Welt Szenario - Auswahl, Daumen drauf - gekauft. Möglicherweise gibt es noch einen Screen auf dem ich meinen Einkauf ein weiteres Mal mit einem Button bestätigen kann. Möglicherweise.

Aber eines bin ich mir sicher: Menschen machen Fehler. Und Design, das ein solches Fehlverhalten provoziert ist immer schlechtes Design – zumindest für den User.

Ich bin gespannt, wie Apple mit dieser Problematik umgeht, im schlimmsten Fall steigen durch diese Interface-Entscheidung die irrtümlichen App-Store Käufe erheblich und damit auch die Kundenunzufriedenheit. Spannend bleibt, was uns Ive dann im nächsten Video vor der weißen Wand über den Stellenwert der User-Experience erzählt …

Remote Usability Tests - einfach gemacht.
Vorheriger Artikel: Selbstständigkeit – Poker für Fortgeschrittene
Nächster Artikel: Die 8 Regeln eines erfolgreichen Erstgesprächs

Bisher 1 Kommentar

  1. Ny2416. September 2013

    Wirklich nette Analyse. „Zurück“ und „Vorwärts“ auf einen Button zu legen ist wirklich eine sehr skurile Entscheidung, vorallem wenn es um Geld geht. Und warum ich einen Fingerabdruck brauche um etwas zu bestätigen, sei den Usern gestellt, die sich das Gerät kaufen.

Du hast eine Meinung dazu? Wir freuen uns :)

Nach Kategorie filtern

Produkte von Simplease

Userbrain - Usability Testing

User-Tests einfach und am laufenden Band.
Mehr erfahren

Neue Artikel per E-Mail

Facebook Link Twitter Link