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Im Simplease-Blog schreiben wir über Design, Web-Entwicklung und unser Leben als Selbstständige.

Sei schlau, mach blau

von Stefan Rössler am 10. Juli 2013

4 Kommentare zuletzt von C

Tut mir leid, aber ich konnte mir den Titel nicht verkneifen. Nicht weil ich ihn so außergewöhnlich gut finde, sondern weil ich ihn mir einfach merken kann. Und das Folgende muss ich mir dringend merken:

Es ist nicht schlau, jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Es ist sogar gefährlich, sich anzugewöhnen, jeden Tag im Büro zu erscheinen. Viel küger wäre es, seine Badehose einzupacken und ins Freibad zu marschieren.

Natürlich geht das bei Selbstständigen einfacher als bei Angestellten. Nicht das es grundsätzlich umöglich wäre, aber bei den meisten Chefs wäre wohl einiges an Überzeugungsarbeit nötig, um einfach so zu Hause zu bleiben.

Doch auch der eine oder andere Selbstständige muss sich erst davon überzeugen, dass es seiner Produktivität zuträglich wäre, nicht den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen, sondern ab und zu rauszugehen oder besser noch, gar nicht erst aufzutauchen.

Eine typische Szene aus meinem Alltag

Ich gehe heute ins Büro. Ich weiß noch nicht genau, was ich alles tun werde, aber es gibt da ein, zwei Baustellen, um die ich mich kümmern sollte. Große Lust darauf hab ich zwar keine, aber man muss eben tun, was man tun muss.

Was passiert anschließend im Büro …

Ich werde erst mal meine Mails checken, vielleicht ist ja irgendetwas dringend. Scheint nichts Wichtiges dabei zu sein. Dann also auf derstandard.at schauen. Auch nichts Neues, irgendwer hat jetzt ganz viele Daten gesammelt und irgendwo anders ist sowieso ständig Krieg.

Auf Facebook könnte es irgendwas geben … nein, auch nichts wirklich Interessantes. Vielleicht ist in der Zwischenzeit eine neue E-Mail gekommen … Mittagszeit ist auch bald :)

„Gehen wir essen?“

… eine Stunde später

Schon fast halb 2 – die Zeit vergeht. Mal schauen, ob in der Zwischenzeit eine E-Mail gekommen ist?

Und so geht es weiter …

… bis irgendwann tatsächlich eine dieser heißersehnten Mails eintrudelt, und man plötzlich gezwungen ist, sofort zu reagieren. Oder bis jemand fragt, ob man diese eine Sache schon erledigt hat und man feststellt, dass man bis jetzt noch gar nicht damit begonnen hat.

Man hat ja auch so wenig Zeit. Und das ist nicht einmal gelogen. Wir haben wirklich wenig Zeit, aber wisst ihr auch wieso? Weil wir es uns angewöhnt haben zur Arbeit zu kommen, völlig egal, ob es etwas zu arbeiten gibt oder nicht.

Ich kann mich teilweise an Wochen erinnern, in denen ich zwar täglich mehrere Stunden im Büro war, aber effektiv nichts zu Stande gebracht habe. Dabei muss ich mir selbst an den Kopf fassen. Was denke ich mir nur dabei? Wie kann ich nur so verantwortungslos sein?

Das Dümmste was wir tun können, ist uns an den 8-Stunden-Tag zu gewöhnen. Nicht das wir keine 8 Stunden arbeiten dürfen – wir können sogar viel länger arbeiten, sollte das einmal notwendig sein. Nur geht das nicht, wenn wir von Haus aus 8 Stunden im Büro sitzen, selbst wenn wir einmal die Zeit nutzen könnten, um wieder neue Energie zu tanken.

Es liegt in unserer Verantwortung als Selbstständige, dass wir uns unsere Zeit klug einteilen. Oft kommt es zu Hardcore-Projekten, die unsere volle Konzentration fordern und enorme Belastbarkeit von uns verlangen – dessen müssen wir uns bewusst sein. Und darauf müssen wir uns vorbereiten.

Wie bereiten wir uns auf diese Extremsituationen vor? Indem wir die Zeit, in der nichts oder wenig passiert, zur Erholung nutzen.

Wir brauchen kein schlechtes Gewissen haben, weil wir heute nicht zur Arbeit gehen. Ein schlechtes Gewissen sollten wir nur haben, wenn wir den ganzen Tag im Büro bleiben, obwohl wir nach 2 Stunden schon mit unserer Arbeit fertig sind.

Bleiben wir ständig den ganzen Tag im Büro, beginnen wir damit, unsere Zeit aufzubrauchen. Die Arbeit dauert dann genau so lange, wie wir Zeit dafür zur Verfügung haben. Und irgendwann sitzen wir dann den ganzen Tag an unserem Schreibtisch und fragen uns am Abend, was wir heute eigentlich geschafft haben. Wenig bis gar nichts ist leider viel zu oft die einzig ehrliche Antwort.

Der Eine oder die Andere wird das vielleicht nicht glauben, aber wir haben alle genau gleich viel Zeit. Es kommt darauf an, was wir damit tun. Den ganzen Tag in der Arbeit zu verbringen ist eine Entscheidung und viel öfter als man denkt, eine schlechte, die einen zum Trugschluss führt, man müsste noch mehr und noch härter arbeiten. Teufelskreis-Alarm!

Seid ehrlich zu euch selbst. Zahlt es sich wirklich aus, heute noch länger im Büro zu bleiben? Draußen hat es gerade +27°, ich würde mir die Sache gut überlegen.

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Bisher 4 Kommentare

  1. Gerulf11. Juli 2013

    Ihr seid ja zur Zeit sehr in Gedanken was Life-Work Balance angeht (auch in Bezug auf den „Superhelden“ Eintrag).

    Zwei Sachen habe ich dazu zu sagen. Erstens: Amen, denn es macht Mut, dass sich auch andere Menschen eben genau darüber Gedanken machen. Zweitens: Es ist bedenklich, dass es einen Begriff wie „Life-Work Balance“ gibt der ein, an sich natürliches, Phänomen verkompliziert.

    Auch wenn ich derzeit weder angestellt noch selbstständig bin (sondern Bakk. schreibe :) ), bin ich doch dieses Turbo-Design-24/7 Phänomen leid. Was wird aus uns Designern werden wenn wir 50, 60, 70 sind? Zeit sich mal Zeit zu nehmen und darüber nachzudenken.

  2. Stefan Rössler11. Juli 2013

    Hallo Gerulf,

    schön wieder von dir zu hören :)

    Gedanken darüber machen wir uns schon länger – jetzt wird es langsam Zeit, diese Gedanken auch in die Tat umzusetzen. Tun wir das nicht, will ich gar nicht wissen, wie wir mit 50, 60 oder 70 aussehen. Eigentlich will ich nicht mal darüber nachdenken, was in 5 Jahren ist, wenn wir nicht jetzt schon ab und zu aus unserem Hamsterrad aussteigen.

    Und zur Sache mit der Life-Work bzw. Work-Life Balance: Den Begriff finde ich gar nicht mal so schlimm – so sind wir Menschen eben, wir müssen immer gleich allem einen Namen geben. Und wenn wir dann einen Begriff gefunden haben, glauben wir, wir haben es verstanden. Was für ein gewaltiges Missverständnis! In Wahrheit haben wir noch gar nichts verstanden.

    Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark gewandelt. Ich denke, vor allem in unserer Branche wird sich dieser Wandel in den nächsten Jahren noch stärker fortsetzen. Die Art und Weise, wie wir über Arbeit nachdenken und was wir unter diesem Begriff verstehen, muss sich an diese wechselnden Bedingungen anpassen. Sobald kreatives Denken gefragt ist, hängt unsere Leistungsfähigkeit nicht mehr von unseren Arbeitsstunden ab, sondern davon, ob wir unsere geistige und körperliche Gesundheit auf Dauer bewahren können oder nicht.

    Faulheit wird einen zwar auch in Zukunft nicht weiterbringen. Nur (leider) bringt einen Fleiß alleine auch nicht ans Ziel. Wir müssen damit beginnen, klüger zu arbeiten, und das heißt vor allem, weniger zu arbeiten, um nicht verbraucht zu werden und irgendwann eine Zwangspause wegen Burnout einlegen zu müssen.

    Wie genau wir das schaffen, weiß ich (noch) nicht. Ich weiß nur, dass es nichts bringt, wenn wir unsere kostbare Lebenszeit damit verschwenden, jeden Tag bis spät am Abend im Büro zu sitzen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir wahrscheinlich alle zugeben, dass wir bereits unzählige „Arbeitsstunden“ mit völlig belanglosen Dingen vergeudet haben.

    Das Problem ist unser schlechtes Gewissen. Zumindest bei mir ist das so. Mich plagen teilweise Gewissensbisse, wenn ich einen ganzen Tag nichts für Simplease getan habe. Auf der anderen Seite spüre ich fast so etwas wie ein Gefühl von Stolz, wenn ich einmal das Wochenende durchgearbeitet habe. Das ist vollkommen geistesgestört!

    Mir hilft das Bild vom Superhelden dabei, diese Geistesgestörtheit bei mir selbst (und anderen) zu entdecken. Wenn ich mir vorstelle wie wir den ganzen Tag in unseren Capes im Büro oder in Meetings herumschwirren und glauben, wir würden die Welt retten, muss ich schmunzeln und mir fällt wieder ein, dass die Arbeit bei weitem nicht das Wichtigste in unserem Leben ist :)

    PS: Über welches Thema schreibst du eigentlich?

  3. Gerulf12. Juli 2013

    Ich kann das alles nur zu gut nachfühlen. Du hast mit deinen aktuellen Postings meine Grundstimmung und Überlegungen zu dieser Thematik noch befeuert.

    Wenn ich mir denke, im Praktikum habe ich Anfangs keine einzige Überstunde gemacht, dann ziemlich bald die ersten paar, dann regelmäßig etwas länger drin und zum Schluß wars bei mir auch so, dass ich mich nach Leistungsforderung orientiert habe und auch mal extra viel Zeit abspulte. Ich habe es gehasst, aber nicht die Arbeit oder die Tätigkeit und schon gar nicht die Kollegen (die im selben Boot sitzen) sondern meine Selbstaufgabe, die Tatsache, dass ich mich freiwillig binnen drei Monaten zum kleinen und immer laufenden Rädchen gemacht habe.

    Was aber noch schlimmer als die eigene Rolle ist, ist dass man inzwischen auf taube Ohren stößt bzw. auf Resigantion. Wenn man in einem Gespräch moderne Tatsachen anprangert wie z.B. unverhältnismäßige Überstunden und Arbeitsforderungen, Heimarbeit, wichtige/unwichtige zusätzliche Selbstvermarktung, Burnout/Depression etc. so werden meist die Gesprächspartner kleinlaut und verweisen darauf, dass das „nun mal so sei“ oder „eh jedem so gehe“. Stimmt, aber das macht es alles noch weniger legitim. Leute, gebt euch doch nicht selbst auf! Wir haben scheinbar alle schon internalisiert, dass wir Maschinen sind und uns scheinbar damit abgefunden.

    Ich für meinen Teil hab meine Lehren jetzt schon gezogen und werde zumindest versuchen mich nicht zu sehr auf Arbeit zu konzentrieren, sonder eben die Arbeit zu verrichten die mir Spaß macht und in dem Umfang den ich für richtig erachte, muss ja wohl irgendwie gehen :) So und jetzt zieh ich mir schwachsinnige YouTube Videos rein.

    Aso, über Explosionsgrafiken schreib ich die Bakk.

  4. C9. September 2013

    Weil ihr immer so erfrischend ehrlich schreibt, fühle ich mich motiviert, meine Erfahrungen zur Work-Life-Balance zu schildern.

    Mir geht es auch ständig so, wenn ich arbeiten sollte, dann hab ich nebenher den starken Drang, wieder und wieder Mails zu checken, nach etwas zu googlen, das mich gerade beschäftigt, davon „träumen“ was ich gerade besseres machen könnte als vorm PC zu sitzen und, dass ich in Zukunft öfter mal was draußen machen will anstatt vorm PC zu sitzen. Meine Gedanken umkreisen sowieso ständig eine mögliche Zukunft oder driften auch sonst recht schnell ab.

    Daraus folgt, dass ich ein schlechtes Gewissen habe und mir erst Recht einrede, dass ich jetzt am PC bleiben soll, weil ich ja schließlich arbeiten soll.

    Im Praktikum war es nicht anders, nur dass ich nie im Internet gesurft habe, aber ab und zu mit den Gedanken beim Feierabend oder sonst wo war.. deshalb und weil ich nicht die Schnellste bin, habe ich dann oft freiwillig eine Überstunde rangehängt, sonst hätte ich einfach ein schlechtes Gewissen gehabt.

    Meine Theorie ist, dass vor allem die Arbeit am PC einen dazu verleitet, nicht effizient zu arbeiten, das Internet macht es einem zudem so leicht, sich zu zerstreuen. Deshalb finde ich auch Home-Office suboptimal. Andererseits fühle ich mich in einem Büro gezwungen, ohne große Pausen immer am Arbeitsplatz zu sitzen und bewege mich dadurch schon einmal den ganzen Tag nur eingeschränkt. Und ich kann auch nicht sagen, ich habe jetzt gerade das Bedürfnis ein Nickerchen zu machen oder erst in 4 Stunden weiter zu arbeiten.

    Der Mensch braucht einfach „natürliche“, also körperliche Arbeit, zumindest als Ausgleich. Und Arbeit, die für ihn selbst sinnvoll erscheint und nicht nur deshalb gemacht werden muss, weil sie ihm jemand anders aufgetragen hat.

    Nun kann man versuchen, einen Kompromiss aus Büro-Job, Sport und Entspannung hinzubekommen. Ich habe für mich erkannt, dass dem PC nicht ein Großteil meiner Lebenszeit zustehen sollte.

Du hast eine Meinung dazu? Wir freuen uns :)

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