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Die Angst etwas zu verpassen

von Stefan Rössler am 5. Juni 2012

15 Kommentare zuletzt von Roman

„Meine größte Angst ist, dass ich mit 80 im Schaukelstuhl sitze und mir die Vergangenheit zurückwünsche, weil ich mich darüber ärgere, dass ich mein Leben verschwendet habe.“

Kommt dir das bekannt vor: Du sitzt in einem Restaurant, hast die Speisekarte bereits zum dritten Mal durchgeblättert und anstatt dich endlich für ein Gericht entscheiden zu können, weißt du immer weniger, was du essen sollst? Es wäre ja kein Problem, etwas Leckeres zu finden, aber die Angst davor, ein anderes Gericht zu verpassen, das vielleicht noch besser sein könnte, macht die Entscheidung zu einer echten Qual.

Diese Angst etwas zu verpassen, auch bekannt als FOMO (The Fear of Missing Out), beginnt bei Kleinigkeiten, wie dem Restaurantbesuch und geht soweit, dass – vor allem junge – Menschen, richtige Angst davor haben, ihr Leben zu verpassen.

Einer der Gründe für FOMO ist der rasante Anstieg der zwischenmenschlichen Kommunikation. Oder anders gesagt: Da wir auf Facebook & Co rund um die Uhr von anderen Menschen erfahren, an welchen exotischen Orten sie gerade Urlaub machen, welche Abenteuer sie gerade erleben und was für ein Wahnsinns-Produkt sie sich gerade gekauft haben, werden wir das Gefühl nicht mehr los, etwas zu verpassen.

Wer sich Werbung bewusst macht, wird erkennen, dass ein Großteil der Kampagnen auf FOMO aufbaut und nur das eine Ziel hat, dem Konsumenten einzureden, er würde etwas verpassen, wenn er dieses oder jenes nicht sofort erwirbt.

Eine nette Gelegenheit um FOMO bei mir selbst zu beobachten, ist mein Verhalten im Umgang mit dem Internet. Ich kann mich an Tage erinnern, an denen ich gefühlte 30 bis 50 Mal meine Mails gecheckt habe und alle paar Minuten bei Google-Analytics reinschaute, um ja nicht zu verpassen, wie ein Mensch mehr unsere Website besucht.

Und warum das Ganze?

„Ich will einmal in meinem Leben nach Neuseeland fliegen, um dort die Natur genießen zu können.“

Du kannst in dem Satz Neuseeland mit einem anderen Land oder irgendetwas anderen tauschen. Es spielt überhaupt keine Rolle was, aber die meisten Menschen, leben die meiste Zeit mit dem Gedanken, irgendetwas in Zukunft erreichen zu müssen oder machen zu müssen, um endlich sich selbst finden zu können.

Einige sehnen sich nach Reichtum, nach einer wunderschönen Villa, einem sündhaft teuren Sportwagen, andere wünschen sich Erfolg oder Anerkennung. Es muss nicht gleich Weltruhm sein – ich spreche vom Wunsch, von seinen Mitmenschen anerkannt zu werden. Wir erwarten uns, dass irgendetwas passiert und dann können wir endlich unser Leben genießen.

Der Eine meint, er müsse ein berühmter Autor werden, die Andere glaubt, einmal in ihrem Leben in Neuseeland die Natur genießen zu müssen. Und bis wir dieses oder jenes nicht erreicht oder getan haben, leben wir in ständiger Angst davor, unser Leben zu verpassen. Es scheint ein Teil der menschlichen Natur zu sein, sich unvollständig zu fühlen und mehr vom Leben zu erwarten.

Was kann man dagegen tun?

Was mir dabei hilft, keine Angst mehr davor zu haben, etwas zu verpassen, ist die einfache Erkenntnis, dass Angst nichts weiter als eine Illusion ist. Es gibt sie nicht wirklich, sie existiert nur in meinem Kopf. Genau wie Ziele, Wünsche und Erwartungen ist Angst „nur“ ein Gedanke. Und ich gebe einem Gedanken doch nicht die Kontrolle über mein Leben.

Ich versuche mir meine Gedanken bewusst zu machen, sie zu beobachten. Du kennst bestimmt die Stimme in deinem Kopf, oder? Genau diese Stimme ist es, die gerne mehr hätte und die auch Angst davor hat, etwas zu verpassen. In dem Moment, in dem ich mir dieser Stimme bewusst werde, kann ich meine Gedanken beobachten und entziehe ihnen dadurch die Kontrolle.

Der wahre Grund für die Angst davor etwas zu verpassen ist also weder Facebook noch die Werbebranche. Der wahre Grund ist unsere Unbewusstheit. Das heißt, dass wir uns unserer Gedanken nicht bewusst werden und uns stattdessen mit ihnen identifizieren und anfangen zu glauben, wir wären unsere Gedanken. Solange wir glauben, wir wären die Stimme in unserem Kopf, bestimmt das Ego über unser Leben. Und das Ego ist hungrig. Es will ständig mehr, genauso wie es ständig Angst davor hat, weniger zu haben oder zu sein, als andere.

Weil das Ego ständig mehr will, erfindet es die Zukunft. Es redet einem ein, man müsse in dieser Zukunft etwas Bestimmtes erreichen oder sein, um dann glücklich und zufrieden sein zu können. Schade nur, dass die Zukunft nicht existiert – außer in unserer Vorstellung. Und wer von seinem Verstand ein Leben lang darauf konditioniert wird, über die Zukunft nachzudenken, der verpasst das Einzige, was wirklich existiert: Das Jetzt.

In Wahrheit braucht man also keine Angst davor zu haben, etwas zu verpassen, weil es nichts Wirkliches gibt, das man verpassen könnte. Das Einzige was man verpassen kann, ist dieser Moment. Und um diesen Moment zu genießen, brauchen wir weder ein neues iPad, noch unser Foto am Cover eines Magazins und wir müssen dazu auch nicht am Strand von Neuseeland liegen.

Wenn du also das nächste Mal die Angst in dir aufsteigen spürst, werde dir bewusst, dass es dein Verstand ist, der dir schon wieder einzureden versucht, dass du etwas verpasst. Dann atme einmal tief durch und lächle, weil du gerade deine Angst überwinden konntest.

„Nicht das Nähren der Illusion, sondern nur ihre Überwindung gibt uns das erreichbare Maß inneren Friedens.“ Albert Einstein
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Bisher 15 Kommentare

  1. Karsten5. Juni 2012

    Die Idee des Artikels erschien mir zunächst interessant. Bis zur These, dass du einem Gedanken nicht die Kontrolle über dein Leben geben willst. Ist das nicht weit mißverständlich?

    Gedanken steuern unser Leben. Wir wählen die Gedanken aus. Angst mag kein guter Ratgeber sein, Untentschlossenheit kein guter Begleiter. Aber unter welchem Gedanken, d.h. welcher Idee forcierst du deine Taten? Etwas gutes tun? Für jemanden? Für dich?

    Ich habe für mich herausgefunden, dass ich meine Kräfte sinnvoll einsetzen will, aber nicht nur um mir selbst „etwas gutes zu tun“ oder „mich zu finden“. Man findet sich eher in Zeiten, in denen es schwer ist, als an Orten, an denen man noch nicht war. Solange man sich gewiss ist, was einem gefällt, wird das FOMO :) keinen Effekt haben. Mir gefällt die Natur und das Leben, also tue ich etwas dafür, dass es so bleibt. In kleinen Schritten, denn auf einen Schlag kann man einen Zug nicht wenden, ohne dass die Insassen verenden.

    Auf meinen Verstand will ich weder verzichten, noch ihn ignorieren. Ich bin mein Verstand. Wir benutzen uns, um unsere Ideen zu verwirklichen. Der Rest kommt von allein, oder? Vielleicht ist diese Angst, was zu verpassen, viel mehr eine absonderliche Form von Todesangst oder Lebenseile…

  2. Stefan6. Juni 2012

    Hallo Karsten,

    danke für deine interessanten Gedanken :)

    Wie du siehst, ist meine Antwort sehr lange geworden und ich schweife teilweise stark ab (und hab trotzdem das Gefühl, vieles nicht gesagt zu haben). Ich möchte dir noch einmal für deinen Kommentar danken, er hat mich dazu inspiriert:

    Ich frage mich, ob wir unsere Gedanken wirklich auswählen können? Ich meine, wir können unsere Gedanken ernst nehmen, wir können sie ignorieren, wir können sie überbewerten, wir können ihnen entsprechend handeln, wir können uns mit ihnen identifizieren … aber auswählen? Mein bisheriges Erlebnis ist eher, dass mir meine Gedanken passieren. Klar, ich habe begrenzt Kontrolle über sie und kann das, was ich denke, in bestimmte Bahnen lenken und am Ende kann ich mir einreden, ich hätte mir meine Gedanken ausgesucht, aber ich habe nicht das Gefühl, wirklich eine Wahl zu haben.

    „Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass ich irgend etwas will; aber was das mit Freiheit zu tun hat, kann ich überhaupt nicht verstehen. Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt? Schopenhauer hat einmal gesagt: ‚Der Mensch kann tun was er will; er kann aber nicht wollen was er will.‘“ Albert Einstein

    Seit ich denken kann (schon wieder denken), will ich etwas Gutes tun. Ich habe eine Vorstellung von dem, was ich sein möchte – was ich immer schon sein wollte. Für wen ich etwas Gutes tun möchte? Für uns, wer auch immer das ist, ich glaube, ich meine die Menschheit. Und plötzlich wird mir klar, dass es „etwas Gutes“ nicht gibt. Zumindest nicht wirklich. In unseren Gedanken – klar, da gibt es gut und schlecht. Aber was sind schon unsere Gedanken? Sie existieren nur in der Welt zwischen unseren beiden Ohren.

    Natürlich können wir unsere Gedanken oder Ideen in die Tat umsetzen und dadurch die Welt verändern, nur stolpere ich dann über Schopenhauers Feststellung, dass wir uns nicht aussuchen können, was wir wollen. Das heißt, es gibt keinen freien Willen und folglich spielt es keine Rolle, was wir tun. Deshalb brauche ich auch keinen Gedanken, unter dem ich meine Taten forciere. Nicht weil ich mich plötzlich in ein Arschloch verwandelt habe, dem seine Umwelt egal geworden ist, sondern weil ich erkannt habe, dass dieses „Ich“, das den Wunsch hat, etwas Gutes zu tun, eine weitere Illusion ist. Ein Ergebnis jahrelanger Identifikation mit den eigenen Gedanken.

    „Ich denke, also bin ich.“ René Descartes

    Descartes Irrtum … mir fallen dabei ständig Babies und Kleinkinder (unter ca. 3 Jahren) ein – das sind auch Menschen, genau wie wir, nur haben diese Menschen (noch) keine Gedanken. Folglich können wir nicht (nur) unsere Gedanken sein. Dann komme ich meist vom Hundertsten ins Tausendste und stelle mir Tiere vor: Affen, Hunde, Katzen oder noch kleinere Lebewesen bis hin zu Bakterien. All diese Wesen existieren, denken müssen die meisten von ihnen dazu aber nicht. Wenn ich mir dann vorstelle, dass wir uns aus diesen Lebewesen entwickelt haben, dann frage ich mich, an welchem Punkt in der Evolution es passiert ist, dass wir plötzlich zu unseren Gedanken wurden. Vor allem aber frage ich mich, ob es nicht höchste Zeit wird, einzusehen, dass wir eben nicht unsere Gedanken sind, und das Ego-Ich eine Illusion ist – eine schädliche obendrein.

    „Der wahre Wert eines Menschen ist in erster Linie dadurch bestimmt, in welchem Grad und in welchem Sinn er zur Befreiung vom Ich gelangt ist.“ Albert Einstein

    Die Befreiung vom Ich … ich kann es so gut nachfühlen, wenn du schreibst, dass dir die Natur und das Leben gefällt und du etwas dafür tun willst bzw. schon tust. Dann stelle ich mir vor, wie ich nachts in den Sternenhimmel blicke und plötzlich überwältigt bin. Es verschlägt mir die Stimme – die innere Stimme, meine Gedanken. Ich schaue hoch und fühle, dass es keine Natur gibt, in der ich lebe, sondern dass ich ein Teil dieser Natur bin. Das ist eine Realisierung, die mit Gedanken nichts zu tun hat. Ich denke nicht, „Wow, was für ein Anblick. Ich muss jetzt überwältigt sein“, ich bin es einfach.

    Ich stelle es mir immer so vor: Ich bin kein abgetrenntes Lebewesen, welches in das Universum geschmissen wurde, um dort sein Dasein zu fristen. Ich bin das Universum selbst. Das Universum, das sich selbst als Mensch erlebt, wenn man so will. Wie könnte es auch anders sein? Natürlich, meine Gedanken sagen mir, dass ich ICH bin. Das heißt, ich habe einen Namen, einen Körper, meine Gedanken, Wünsche, Ziele, Vorstellungen usw. In dem Moment, in dem ich mir meiner Gedanken als Gedanken bewusst werde, bekommt diese Vorstellung des ICH jedoch erste Risse und beginnt bereits an Realität zu verlieren. Dann überwinde ich langsam die Vorstellung, ein abgetrenntes Individuum zu sein und erkenne, dass „ich“ in Wahrheit, ein Teil des Ganzen bin.

    „Ein Mensch ist ein räumlich und zeitlich beschränktes Stück des Ganzen, was wir „Universum“ nennen. Er erlebt sich und sein Fühlen als abgegrenzt gegenüber dem Rest, eine optische Täuschung seines Bewusstseins.“ Albert Einstein

    Die Physik bestätigt das sogar: Die Vorstellung von festen Körpern ist eine Illusion. Selbst der menschliche Körper besteht zum größten Teil aus Nichts. Es scheint zwar nicht so und unser Wahrnehmungsapparat sagt uns, dass diese Aussage völliger Schwachsinn ist, doch wenn man bedenkt, dass unser Körper (jeder Körper, jede Form) aus Atomen besteht und ein Atom zu 99,99% aus Raum (als „Nichts“) besteht, in dem sich Neutronen, Protonen und Elektronen befinden, dann verliert die Annahme, ICH wäre ein eigenständiges Lebewesen, sehr schnell an Wirklichkeit.

    Und jetzt kommt das Beste daran: Auf unseren Verstand müssen wir deshalb nicht verzichten. Wir brauchen nur zu erkennen, dass es eine – vom Verstand erschaffene – Illusion ist, dass wir unser Verstand sind. Im Moment ist es so, dass wir von unserem Verstand benutzt werden, indem wir mit unserem Denken ein ICH erschaffen (ein Ego), und uns nicht bewusst werden, dass das, was wir wollen, nicht wirklich von uns gewählt wurde (Schoppenhauer) und folglich unsere Wünsche und Ideen nichts sind, was wir wirklich wollen und eben nur ein gedankliches Konstrukt, eine Illusion sind.

    Sobald wir dann erkennen, dass unser Verstand nur ein Werkzeug ist, genauso wie z.B. der Säbelzahn eines Säbelzahntigers nur ein Werkzeug ist, können wir aus dem ewigen Kreis der Identifikation mit unseren Gedanken ausbrechen. Wir können aufhören „unseren“ Zielen nachzujagen, „unsere“ Ideen zu verwirklichen, weil wir erkennen, dass diese Ziele und Ideen nicht wirklich „unsere“ sind, sondern die des Verstands, also eine Illusion.

    „Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.“ Albert Einstein

    Stell dir eine Welt vor, in der es keine Egos mehr gibt. Die Menschheit ist aus dem Traum der Identifikation mit den eigenen Gedanken erwacht. Wir würden erkennen, dass wir in Wahrheit gar nicht von einander getrennte Individuen sind, sondern Teil eines Ganzen. Wenn wir also einem anderen Menschen begegnen, begegnen wir in Wahrheit uns selbst. Dasselbe gilt für Tiere und Pflanzen. Wir sind alle Teil des einen Bewusstseins.

    Ich glaube, diese neue Art von Denken ist es, die Einstein gemeint hat. Wenn ich mir vorstelle, was „wir“ dem Planeten in den letzten 50 Jahren angetan haben, nur um „unsere“ Ziele zu erreichen und „unsere“ Ideen zu verwirklichen, dann bekomme ich das große Kotzen. Wir müssen endlich aufwachen und erkennen, dass wir nicht „nur“ unsere Welt, sondern uns selbst zerstören … und das alles, weil wir von unseren Gedanken besessen sind.

    Du musst dir vorstellen, es gibt wirklich Leute, die gerne nach Neuseeland fliegen würden, um dort die Natur zu erleben. Dass für den Flug nach Neuseeland badewannenweise Kerosin in die Atmosphäre geblasen wird, scheint dabei keine Rolle zu spielen. Und das meine ich mit Unbewusstheit: Würden wir merken, dass das Ich nur eine Illusion ist, dann bräuchten wir unsere Körper inklusive Gehirne nicht in einen Flieger zu setzen, um tausende Kilometer entfernt, die Natur zu erleben. Wir würden in diesem Moment erkennen, dass wir selbst die Natur sind und könnten uns selbst erleben … ohne diesen illusorischen Zielen und Ideen nachzujagen.

    Und endlich schließt sich der Kreis und ich finde zurück zum Thema. Es ist genau wie du sagst, wenn man sich gewiss (bewusst) ist, was einem gefällt – ganz egal, ob man es sich nun aussuchen kann oder nicht –, dann hat das FOMO keinen Effekt. Diese Gewissheit fehlt einem leider manchmal und stellt sich erst ein, wenn man einen kurzen Moment lang inne hält und nicht vom Strom der Gedanken fortgerissen wird. Und ich glaube, genau darauf läuft es hinaus. Die Angst etwas zu verpassen, ist dasselbe wie Todesangst und Lebenseile – nämlich die Angst des Ich (der Identifikation mit unseren Gedanken), nicht vollständig zu sein und zu sterben, bevor diese – illusorische – Vollständigkeit erreicht werden kann. Dabei sind wir doch längst vollständig, wir müssten es nur erkennen :)

  3. Dominik Guzei8. Juni 2012

    Hey Stefan, wirklich interessanter Blogpost! :-)

    Vielleicht hast du das Wort absichtlich vermieden, aber ich habe das Gefühl das du den Zustand der „Erleuchtung“ beschreibst (Eins sein mit allem was ist). Eckart Tolle hat ein paar gute Seiten darüber geschrieben. „Wir sind nicht unser Verstand“ und Erleuchtung ist kein Zustand der nur von jahrelang betenden Mönchen erreicht werden kann, sondern dass jeder von uns schon oft Momente der Erleuchtung erlebt hat und dies auch wieder tun wird. Solange man es schafft sich nicht mehr mit seinem Verstand zu identifizieren.

    Google Books ist so freundlich und stellt einen Auszug zur Verfügung ;-) http://books.google.at/books?id=A48eoZE3LOcC&lpg=PP1&hl=de&pg=PA23#v=onepage&q&f=false

  4. Stefan9. Juni 2012

    Hi Dominik,

    du hast recht, ich hab das Wort „Erleuchtung“ absichtlich vermieden :)

    Ich fühl mich noch ein bisschen unwohl dabei, von Erleuchtung zu sprechen. Für mich ist das ganze Thema noch recht neu und ich bin teilweise noch stark mit meinem Verstand identifiziert. Obwohl mir immer mehr bewusst wird, dass meine gedanklichen Konstrukte nichts weiter sind, als von der Vergangenheit konditionierte Denkmuster, die nichts mit der „Wirklichkeit“ zu tun haben – aber es dauert ein wenig bis sich das setzt :)

    Neben Eckhart Tolle, den ich erst in den letzten Wochen kennengelernt habe, fallen mir noch Deepak Chopra, Jim Dreaver und Don Miguel Ruiz ein, die sich mit dem selben Thema befassen. Alle diese Autoren kommen eher von der „spirituellen“ Seite. Ein bisschen wissenschaftlicher betrachtet Mihály Csíkszentmihályi das Thema in seinem Buch „Flow“.

    Ich danke dir auf jeden Fall für den Link :)

  5. Karsten12. Juni 2012

    Danke Stefan, für deinen ausführlichen Ansatz zum Paradoxon der Ich-Abkehr.

    Als du beschrieben hast, wie wenig du oder das „wir“ - als dessen Teil ich mich im Zusammenhang mit diesem existenzialistischen Themenbereich nicht zähle - annimmst bzw. annimmt, dass Tiere nicht denken müssen, ist mir erstmals der Denkfehler in deiner Theorie aufgefallen. Deine Theorie um die Abkehr vom Verstand basiert auf der Struktur und Semantik der deutschen Sprache. Die darin enthaltenen Hilfsverben und Pronomen zwingen beim Denken in Worten anstatt in Bildern zur steten Ich-Identifikation.

    Du meintest, ich soll mir eine Welt vorstellen, in der es keine Egos, also Ichs“ mehr gibt. Das ist nicht möglich, denn alles was man sich vorstellen kann, ist eine Welt, in der es keine anderen Ichs als das eigene gibt. Daraus folgt, dass es in dieser Vorstellung immer ein einziges letztes Ich geben muss, nämlich dem des Vorstellers.

    Aber ich möchte annehmen, dass deine Utopie von einem Kollektiv handelt, dass auf das Individuum verzichtet. Dieser Metamensch ist dann Teil eines uniformen Schwarms, der sich vom urteilenden Verstand gelöst und rein intuitiv, d.h. dezentral, existiert, fernab jeder Selbstreflektion. Ein Kollektiv ohne Selbstbewußtsein..? Wir kann sich ein Kollektiv ohne Selbstbewußtsein (mit SB meine ich immer den urteilenden, denkenden Verstand) anders weiterentwickeln als durch Umwelteinflüsse und natürlicher Selektion? Muss der Mensch zur Ameise werden, um eine bessere Lebensform zu sein?

    Ich möchte nicht auf meinen Verstand und noch weniger auf meine Individualität verzichten. Meine Fähigkeiten und Erfahrungen, die meine Existenz mir ermöglicht hat, setze ich gern solidarisch dafür ein, dass die Menschheit sich mit Umwelteinflüssen arrangiert ohne die Umwelt zu zerstören. Ich möchte demnach mathematisch an den Kerosinverbrauch herantreten, langfristig denken und das kleinere Übel wählen, wenn es zum nächsten evolutionären Schritt der Menschheit zu schaffen, in dem wir hoffentlich sowohl unseren individuellen Verstand benutzen können und wollen, als auch in Solidarität und Symbiose mit Mensch und Natur leben.

  6. Karsten12. Juni 2012

    P.S.: welches verb und welches reflexivpronomen habe ich im letzten satz vergessen?

  7. Stefan20. Juni 2012

    Denkfehler ;)

    Es stimmt natürlich, dass Tiere denken – egal ob in Bildern oder Worten. Ein Frosch „denkt“ z.B. genau drei Dinge: 1) kann ich es fressen, 2) kann ich Sex damit haben oder 3) kann es mich töten. Die Tatsache, dass Amphibien noch kein so ausgebildetes Gehirn besitzen, wie höher entwickelte Tiere (bis hin zum Menschen), hält sie natürlich nicht vom Denken ab. Danke für diesen Hinweis.

    Was ich mit denken meine, ist die Identifikation mit den Gedanken. Frösche – oder andere Tiere – denken zwar, sie definieren sich aber nicht über ihre Gedanken. Sie haben nicht die Vorstellung von ich und meine Geschichte, die für einen Menschen meist gleichbedeutend ist mit meine Identität. Wenn du – oder ich oder irgendein anderer Mensch – für gewöhnlich über sich selbst spricht, dann bezieht er sich auf die von dir erwähnten Fähigkeiten und Erfahrungen. Nur was haben unsere Erfahrungen damit zu tun, wer wir wirklich sind?

    Anders gefragt: Was sind Erfahrungen? Eine Ansammlung von Geschichten aus der Vergangenheit. Man hat irgendwann einmal dieses oder jenes erlebt und der Verstand – die Stimme in unserem Kopf – hat daraus eine Geschichte geformt. Eine Geschichte dir wir uns selbst und anderen immer wieder gerne erzählen. Auch wenn diese Geschichten (die Erfahrungen) oft tragisch sind, sie sind unsere Geschichten und somit die Quelle unserer Identität. Wir beziehen unsere Identität – das was wir sind – fälschlicherweise aus der Vergangenheit. Daher sind unsere Geschichten (Erfahrungen, Erlebnisse etc.) eher ein Hinweis darauf, was wir einmal waren, als darauf, was wir in diesem Moment sind.

    Alleine wenn wir zwei miteinander kommunizieren, erschaffen wir uns gegenseitig Fantasie-Identitäten, die diese Kommunikation beeinflussen. Ich habe ein Bild von mir selbst im Kopf. Dieses Bild beruht auf meinen bisherigen Erinnerungen, Erfahrungen, Geschichten. Gleichzeitig habe ich natürlich auch eine Vorstellung von dir. Diese Vorstellung beruht zwar auf wesentlich weniger „Fakten“, als meine eigene Identität, das hält mich aber keineswegs davon am, sie für wahr zu halten. Dasselbe passiert auch bei dir: Du hast eine Vorstellung davon, wer du bist und wer ich bin. Während wir miteinander in Kontakt treten, erschaffen wir uns gegenseitig also 4 Fantasie-Identitäten. Fantasie-Identitäten deshalb, weil jede dieser Vorstellungen nur eine Gedankenform ist – beruhend auf Erfahrungen, Geschichten oder wie auch immer man es nennen möchte. Wenn man so darüber nachdenkt, ist es eigentlich verwunderlich, dass zwischenmenschliche Kommunikation manchmal tatsächlich funktioniert :).

    In „meiner“ Utopie, die zu einem großen Teil von den Lehren eines Eckhart Tolle und unzähligen anderen „Lehrern“ aus z.B. dem Zen-Buddhismus maßgeblich beeinflusst ist, geht es deshalb nicht um ein Kollektiv ohne Selbstbewusstsein, sondern um das Bewusstsein selbst. Nicht um die Geschichten, die wir uns gegenseitig und uns selbst ständig erzählen und aus denen wir unsere Identität beziehen. Es geht einfach darum, zu erkennen, dass wir (viel) mehr sind als diese Geschichten und wir infolge dessen, diese Geschichte nicht so ernst nehmen müssen. Wir müssen uns keine Sorgen darum machen, ob unsere persönliche Geschichte gut oder schlecht ausgeht – sie existiert ohnehin nur in unserem Kopf.

    Und wie bereits erwähnt, müssen wir nicht auf unseren Verstand und unsere Individualität verzichten. Im Gegenteil: Frei von unserer Vergangenheit (unserer Geschichte) und frei von unserer Zukunft (unseren Zielen und Träumen) können wir endlich wirklich wir selbst sein. Wir können aufhören unsere Standpunkte zu verteidigen und uns z.B. persönlich beleidigt zu fühlen, wenn es regnet oder wir im Stau stehen müssen, weil wir erkennen, dass der, der da beleidigt ist, nur eine Fantasie-Vorstellung ist und nicht wir selbst sind. Wir können den Film in unserem Kopf stoppen und die Vorstellung, von uns selbst als Hauptdarsteller dieses Films aufgeben. Das Leben verliert dadurch seine Tragik.

    Wenn das jeder – oder ein Großteil der Menschheit tut –, dann ergibt es sich von ganz alleine, dass Menschen in Solidarität und Symbiose mit der Natur leben, weil sie erkennen, dass sie nicht von dieser „Natur“ abgetrennte Individuen sind, sondern selbst ein Teil des großen Ganzen darstellen.

    Trotzdem finde ich super, was du machst und hoffe, dass unsere Unterhaltung noch lange weitergeht und ich meine schnell niedergeschriebenen Gedanken, dank deiner Kommentare und Hinweise, selbst weiter hinterfrage :)

    P.S.: Dein P.S. kann ich leider nicht beantworten.

  8. Sab...27. Dezember 2012

    Was ist denn dann der „böse“ Verstand und was bist „du“ der sich nicht mit seinen Gedanken identifiziert?

  9. Sab...27. Dezember 2012

    P.S.: „Ich denke, also bin ich.“ Denkfehler von Descartes? Nein. Descartes bezieht sich auf das Individuum und nicht auf die anderen Lebewesen(in deinem Beispiel Babies), welche auch denken könnten, aber genau so gut Produkt deiner Phantasie sein könnten. Alle Sinne lassen sich täuschen.

  10. Stefan25. April 2013

    Hallo Sab…

    Das Problem ist, dass ich diesen Artikel viel zu ernst genommen habe und manche Ausführungen dabei übertrieben hab. Danke für deine Kritik und die Geschichte mit dem Descartes vergiss bitte – ich wollte nur schlau klingen :)

    Das der Verstand als „böse“ rüberkommt, liegt auch an meinen Übertreibungen. Der Verstand ist ein Teil von uns. Er ist aber nicht 1:1 gleichzusetzen mit dem, was wir sind. Der Verstand identifiziert sich nur mit dem Individuum, mit der Person. Die Person selbst ist aber auch wieder ein Teil des großen Ganzen.

    Hans-Peter Dürr spricht von Wellen im Meer. Eine Person ist eine Welle – erst ist sie oben und dann vergeht sie wieder im Ozean, aus dem sie gekommen ist. Die Welle ist also ein Teil des Meeres. Ja, aber nicht nur. In erster Linie ist die Welle selbst das Meer und das Meer ist die Welle. Sie sind untrennbar miteinander verbunden.

    Das „du“ in deiner vorigen Frage ist also nicht zu beantworten. Zumindest nicht so, dass ich sagen kann, wer oder was dieses „du“ ist. Dieses „du“ ist unpersönlich, hat keine Persönlichkeit. Es ist keine andere Welle, als der Verstand, es ist das Meer selbst.

  11. Roman9. Januar 2015

    FOMO Als FOMO bezeichnet man die intuitiven Ratschläge um sich Evolutionär weiter zu entwickeln. Wer seine FOMO ignoriert bleibt rudimentär. Wer scheitert erkrankt an Weltschmerz. FOMO ist ein Indiz von Libido (Lebenslust)

  12. Anna9. Oktober 2015

    Vielen Dank für diesen Artikel! Ich fand ihn sehr gut!

  13. Anna9. Oktober 2015

    Vielen Dank für diesen Artikel! Ich finde ihn sehr gut!

  14. Franziska16. November 2015

    Danke für den sehr interessanten und hilfreichen Artikel.

    Ich selbst studiere Werbung/Marketingkommunikation und kann nur bestätigen, dass wir in den verwendeten Strategien Personen natürlich auf einer emotionalen Ebene ansprechen und Sehnsüchte/Bedürfnisse wecken, für die wir dann Lösungsansätze in Form von Produkten parat haben. Somit sind wir zugleich bedarfsweckend/deckend tätig und erschaffen dem Menschen die Illusion etwas zu wollen, um dieses Bedürfnis gleichzeitig mit dem beworbenen Produkt zu befriedigen. Ich selbst kann das nicht gut heißen und sehe mich teilweise selbst als Opfer der materiell und leistungsortientierten Gesellschaft… So bin ich auch auf diesen Artikel gestoßen.

    Ich möchte mich nochmals auf den Kommentar von Roman beziehen. Natürlich ist dieses Phänomen FOMO ein Resultat der menschlichen Lebenslust, „Libido“, aber gleichzeitig stehen diese beiden Dinge auch konträr zueinander. Gibt man sich seinem FOMO hin, so ist die Gefahr einer negativen Denkspirale und gleichzeitig einer potentiellen Depression gegeben. Darüber hinaus ist der Moment, indem man die FOMO-Gedanken zulässt, konträr zur Lebenslust zu sehen, da in diesem Moment die volle Aufmerksamkeit/Lebensgenuß nicht auf dem Moment, sondern auf einer Hypothese, die man in seinem eigenen Kopf kreiert, liegt.

    Ich denke, Lebenslust bedeutet auch, nicht immer „mehr“ zu wollen, sondern den Moment zu umarmen und zu erkennen, dass er gut ist, so wie er ist. Und als Resultat daraus ist er wert, ihn zu genießen.

    Viele Grüße, Franziska

  15. Roman4. Dezember 2015

    Danke Franziska für hoffnungsvolle erwartungen gepaart mit Erfolgsdruck.

    Man darf das Verlangen nach verbesserung nicht mit der Unfähigkeit Freude und Glück zu empfinden verwechseln. Evolutions Technisch ist die unzufriedenheit der Motor des Fortschritts und die harmonische Ausgeglichenheit mit sich, also die Erleuchtung der evolutionäre Stillstand.

    Liebe Franziska es ist die Leidenschaft die Leiden schaft;-)

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