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Weniger denken, mehr leben!

von Stefan Rössler am 8. März 2012

6 Kommentare zuletzt von Stefan

Ich bin gestern mit Daniel Kahnemann’s Thinking, Fast and Slow fertig geworden und habe etwas gelernt, was ich unbedingt erzählen muss. Es geht um das Selbst oder besser gesagt die beiden Selbste, wie Kahnemann schreibt.

Nur kurz zum Autor und dem Inhalt: Kahnemann ist Psychologe und hat für seine Arbeit den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten. In diesem Buch präsentiert er die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungsarbeit und beschreibt anschaulich und verständlich, wie das menschliche Denken funktioniert und kommt zum Schluss, dass die Vorstellung, der Mensch sei ein rein rationales Wesen, eine Illusion ist. Wer mehr dazu wissen will, bitte einfach auf amazon.de nachlesen oder kurz googlen. Am besten natürlich das Buch kaufen und lesen – ihr werdet es nicht mehr aus der Hand legen können.

Der Teil des Buches, welcher mich am meisten gefesselt hatte, war das letzte Kapitel, mit dem Titel „Two Selves“. Kahnemann stellt darin das „erinnernde Selbst“ und das „erlebende Selbst“ vor. Das erinnernde Selbst ist der Teil in uns, welcher die Entscheidungen trifft. Wir würden sagen, das erinnernde Selbst sind wir selbst. Zusätzlich zum erinnernden gibt es aber noch das erlebende Selbst. Und ab diesem Moment wird die Sache für mich interessant.

Kahnemann hat diese Unterscheidung entdeckt, als er sich der Glücksforschung widmete und eine Methode suchte, um herauszufinden, wie glücklich ein Mensch ist. Er hat bemerkt, dass die einfache Frage „Wie glücklich sind Sie mit Ihrem Leben?“ keine verlässliche Quelle ist oder wie Kahnemann selbst schreibt, eine falsche Antwort liefert. Wenn man Menschen danach fragt, wie glücklich sie sind, hängt ihre Antwort von vielen Faktoren ab.

Ein Beispiel: Einem Teil von Jugendlichen wurde in einer Studie die Frage gestellt, wie viele Dates sie in den vergangenen Monaten hatten, bevor sie mit der eigentlichen Frage danach, wie glücklich sie mit ihrem Leben seien konfrontiert wurden. Die erste Frage führte dazu, dass die Jugendlichen ihr Glücksempfinden davon abhängig machten, wie ihre Liebesbeziehungen verlaufen sind und eine starke Korrelation zwischen Anzahl der Dates und Glücksempfinden gegeben war. In einem Folgeprojekt wurde einem Teil der Probanden eine Geldmünze so platziert, dass sie diese kurz vor der Beantwortung der Frage finden und einstecken konnten. Der andere Teil der Probanden hatte keine Geldmünze erhalten. Heraus kam, dass die Testpersonen, welche kurz zuvor eine Münze gefunden hatten, wesentlich glücklicher waren, als jene, die keine Münze finden konnten. Es gibt noch weitere Beispiele und Kahnemann erklärt sie besser als ich das kann.

Der Punkt ist aber folgender: Die Frage danach wie glücklich man ist, wird vom erinnernden Selbst beantwortet. Im Gegensatz zum tatsächlichen Glücksemfpinden, welches jeden einzelnen Moment unseres Lebens vom erlebenden Selbst erfahren wird. Kahnemann beschreibt eine Methode, bei der Probanden laufend beantworten, wie es ihnen gerade geht. Die Ergebnisse dieser laufenden Abfrage vergleicht er schließlich mit den Antworten auf die Frage, wie es einem geht und stellt auf diese Weise fest, dass das erinnernde Selbst eine falsche Antwort gibt und nicht mit dem erlebten Glück übereinstimmt.

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Das erinnernde Selbst wird von 2 Faktoren entscheidend beeinflusst: 1) dem Peak-Moment und 2) dem Ende. Kahnemann nennt das die „Peak-end rule“ und sagt darüber, dass das erinnernde Selbst den Durchschnitt vom besten bzw. schlimmsten Moment (= peak) und vom Ende abhängig macht. Zeitdauer spielt dabei nicht die geringste Rolle. Das heißt, das erinnernde Selbst merkt sich nicht jeden Moment, sondern reduziert unser Leben, wenn man so will auf 2 Momente. Den besten bzw. schlimmsten und den letzten. Kahnemann führt unzählige Beispiel auf, um diese Behauptung zu untermauern und zeigt, dass dieses Selbst, der Teil in uns ist, welcher Entscheidungen trifft und für den Großteil unseres Verhaltens verantwortlich ist.

Eines meiner Lieblingsbeispiele aus dem Buch ist die Erkenntnis Kahnemanns, dass die meisten Menschen weder ein neues Auto kaufen würden noch auf Urlaub fahren würden, wenn es das erinnernde Selbst nicht gäbe. Er spricht davon, dass Menschen, die Photos von großartigen Momenten machen, nicht im Moment sind, sondern bereits Aufzeichnungen für ihr erinnerndes Selbst machen. Und schön langsam komme ich dahin, wo ich hin möchte: Was ist wichtiger? Das erinnernde Selbst oder das erlebende Selbst?

Das erinnernde Selbst beantwort die Frage: „Wie geht es mir alles in allem?“ Das erlebende Selbst fragt sich: „Wie geht es mir jetzt?“ Kahnemann spricht davon, dass Erinnerungen alles sind, was wir von unserer Lebenserfahrung behalten. Sie sind die einzige Perspektive, die wir haben, wenn wir über unser Leben nachdenken. Ich gebe ihm zu 100% Recht – wenn wir über unser Leben nachdenken, ist das erinnernde Selbst auf jeden Fall das Wichtigere. Was ist aber wenn wir nicht über das Leben nachdenken wollen, sondern leben möchten? Kommen wir dann nicht zu dem Punkt, an dem wir zugeben müssen, dass uns das erinnernde Selbst im Weg steht? Persönlich genauso wie Gesellschaftlich?

Kahnemann kommt zum Schluss, dass beide Selbste wichtig sind und berücksichtigt werden sollten, wenn wir unser Leben verbessern möchten. Ich frage mich, ob das überhaupt möglich ist. Für mich sieht es so aus, als wären die Vorstellungen des erinnernden Selbts nichts weiter als eine Illusion. Eine Illusion, die uns dazu antreibt teure Autos zu kaufen, viel Geld für Urlaube auszugeben und der Grund dafür ist, dass wir immer mehr und mehr haben wollen. Mehr Geld, mehr Erfolg, mehr Ruhm. Und das alles für ein paar nette Erinnerungen bzw. Vorstellungen.

Ich mag voreingenommen sein, aber schnell gedacht, mache ich unsere Überschätzung des erinnernden Selbts dafür verantwortlich, dass in Afrika Kinder verhungern während wir uns das Promo-Video vom neuen iPad anschauen. Wir leben für Illusionen, die nichts damit zu tun haben, ob wir glücklich sind oder nicht. Wir leben eigentlich nicht, wir denken über das Leben nach. Und das Schlimmste daran ist, dass wir auf diese Weise nicht glücklich werden. Wir leben in der Wahnvorstellung, dass uns Reichtum glücklich machen würde und haben gleichzeitig wissenschaftliche Daten, die beweisen, dass Geld und Besitztümer ab einem bestimmten Punkt exakt Null Glückszuwachs bringen.

Im Gegensatz dazu führt zu wenig Geld dazu, dass unser Leben furchtbar wird. Kahnemann zeigt, wie niedrig das erlebte und erinnerte Glück von armen Menschen ist. Würden wir alle gemeinsam das erlebende Selbst vor das erinnernde Selbst stellen, könnten wir aufhören,Luftschlößern nachzujagen und damit beginnen, den Reichtum dieser Welt gerecht zu verteilen, tief durchzuatmen und glücklich in diesem Moment zu leben.

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Bisher 7 Kommentare

  1. AR12. März 2012

    „dass das erinnernde Selbst den Durchschnitt vom besten bzw. schlimmsten Moment (= peak)“

    wird der durchschnit allgemein von beiden seiten miteinbezogen oder nur der schlimmste oder der beste moment je nach mehr intensivität oder vielleicht einstellung ?

    gabs auch tips wie man praktisch besser im jetzt lebt und nicht immer an vergangenes denkt und sammelt anstatt zu leben ?

  2. Stefan12. März 2012

    Ob das erinnernde Selbst den besten oder schlimmsten Moment berücksichtigt, hängt von der Formulierung der Fragestellung ab. Wenn du mich also fragst, wie schlimm ich eine Behandlung beim Arzt empfunden habe, dann berücksichtigt mein erinnerndes Selbst den Durchschnitt und den schlimmsten Moment. Fragst du mich danach, wie viel Spaß ich am Wochenende bei einem Konzert hatte, dann berücksichtigt mein Selbst den besten Moment.

    Tipps wie man im Jetzt lebt, bietet Kahnemann leider nicht – wie gesagt, dieses Thema behandelt er nur im letzten Kapitel des Buches und sein persönlicher Zugang lautet, dass beide Selbste wichtig sind und berücksichtigt werden müssen.

    Ich kann dir als Einstieg diesen Artikel von Leo Babauta empfehlen. Und wenn du mehr darüber wissen willst, dann empfehle ich dir End Your Story, Begin Your Life: Wake Up, Let Go, Live Free von Jim Dreaver. Hier ein kurzer Auszug aus seinem Buch.

  3. AR13. März 2012

    Wenn ich das alles lese kommt mir das erinnernde selbst wie eine Kamera vor das ständig aktiv aufnimmt, und sich mit dem aufgenommenen befasst.

    Wäre es nicht so das wenn man stattdessen mehr im Jetzt leben würde auch mehr der erinnernde selbst davon hätte weil das erlebte klarer und reiner wäre ohne Gedanken die nichts mit der jetzigen Situation zutun hätten ?

    ich denke zwar das es ein Evolutionäre bedeutung hat aber wie wir wissen sind sie nicht immer vorteilhaft in der heutigen Zeit.

  4. Stefan14. März 2012

    Ich sehe das auch so. Unser erinnerndes Selbst sorgt dafür, dass wir aus Erfahrungen lernen können, was für unser Überleben in freier Wildbahn die Voraussetzung war. Heute werden wir aber nicht den ganzen Tag von wilden Bestien verfolgt und müssen Nachts nicht Angst um unser Leben haben – wir haben also die Möglichkeit im Jetzt zu leben. Und wie du sagst, würden wir dann auch alles reiner und klarer erleben und am Ende auch dem erinnernden Selbst einen Gefallen tun.

  5. Pingback Feiert euch gegenseitig | Simplease Blog23. April 2012

    […] die Alternative aus? Was kann man tun, um dieses Unglück zu vermeiden. Nun, zum Einen kann man weniger denken und mehr leben und zum Anderen kann man die täglichen Dinge des Lebens mehr schätzen. Die einfachste und […]

  6. Larissa11. April 2013

    „Ich mag voreingenommen sein, aber schnell gedacht, mache ich unsere Überschätzung des erinnernden Selbts dafür verantwortlich, dass in Afrika Kinder verhungern während wir uns das Promo-Video vom neuen iPad anschauen.“

    Siehst du, diesen Zusammenhang verstehe ich noch nicht wirklich. Vielleicht kannst du noch einmal erläutern, inwieweit der Wunsch nach Konsumgütern aus dem erinnernden Ich resuliert?

  7. Stefan25. April 2013

    Hallo Larissa und danke für dein Kommentar und die indirekte Aufforderung, den Artikel noch einmal zu lesen :)

    Ich wusste gar nicht mehr genau, was da drinnen steht und deshalb hat es sehr lange gedauert, bis ich mich aufraffen konnte, dir zu antworten.

    Hier der Versuch meiner Antwort: Konsumgüter sind grundsätzlich etwas Gutes. Problematisch ist nur die übermässige Verschwendung oder anders gesagt, das immer mehr wollen.

    Warum wollen wir immer mehr? Was in uns meint, noch nicht genug zu haben, noch nicht genug zu sein? Das erlebende Selbst kann es nicht sein. Es denkt nicht, es erfindet keine Geschichten und es ist nicht rational. Das erlebende Selbst kann das Leben nicht verstehen, es kann es nur erleben.

    Was bleibt ist das erinnernde Selbst. Man könnte es auch das denkende Selbst nennen. Erinnerungen sind nichts weiter als Gedankenformen. Gedanken in Form von Geschichten, die wir für unser Leben halten. Wir übersehen das Leben jetzt, weil wir in unserem Kopf sind und dort den Film unseres Lebens abspielen. Und in diesem Film sind wir die Hauptdarsteller.

    Jeder von uns hält sich für eine Person. Eine Person, die abgetrennt vom Rest der Welt durchs Leben geht. Und jetzt wird es meta-physisch, philosophisch oder esoterisch – wie auch immer man es nennen möchte: Diese Person ist nicht wirklich. Zumindest nicht im absoluten Sinne. Die Person spielt schon eine Rolle, das soll sie auch. Sie ist aber nicht alles, was da ist.

    Sie ist ein Teil des Ganzen und deshalb auch mit dem Ganzen verbunden. Wenn wir das erlebende Selbst stärken würden, sprich mehr im Hier und Jetzt leben, dann verliert die Person an Bedeutung. Dann sehen wir, dass wir bereits vollständig sind und diese Leere in uns, die wir zwanghaft versuchen mit Objekten zu füllen, gar keine Leere ist und deshalb auch nicht gefüllt werden kann oder muss.

    Das denkende Selbst hält sich für schwach und zerbrechlich. Und damit hat es auch recht. Das denkende Selbst identifiziert sich mit der Person und macht sie zu seiner einzigen Wirklichkeit. Die einzige Gewissheit dieser Person lautet, dass sie früher oder später sterben wird. Wenn man sich das vor Augen führt, wird einem auch klar, warum viele Menschen übertrieben ehrgeizig sind, warum sie Reichtümer anhäufen wollen und warum sie über anderen stehen möchten. Sie haben Angst.

    Sie haben Angst davor, dass sich ihre Form auflöst, noch bevor sie ihre Träume (wieder nur Gedanken) erfüllen konnten. Deshalb wollen sie immer mehr. Und wenn sie dann merken, dass sie sich noch immer nicht vollständig fühlen, dann wollen sie noch mehr.

    Ich hoffe, das kommt ein Antwort zumindest nahe und ich bin nicht komplett am Ziel vorbei geschossen :)

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