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Finde deine eigene Stimme

von Stefan Rössler am 20. März 2012

2 Kommentare zuletzt von Stefan

Denkt kurz darüber nach, wie oft ihr in die Lage kommt, anderen Menschen eure Sicht der Dinge näher zu bringen? Stellt euch vor, ihr erklärt einem Teamkollegen euren neuen Entwurf, besprecht mit einem Kunden eure Idee für die weitere Strategie, haltet eine Präsentation vor einem Publikum oder sprecht mit eurem Partner, einem Freund, euren Eltern oder vielleicht euren eigenen Kindern.

Wie diese Situationen ablaufen, hängt von zwei wesentlichen Faktoren ab. 1) Was sagt ihr und 2) Wie sagt ihr es? In diesem Artikel will ich darauf eingehen, wie man in den beschriebenen Szenarien kommunizieren kann. Oder anderes gesagt: Ich erzähle euch kurz, was ich in den letzten Jahren über menschliche Kommunikation gelernt habe und spreche über meinen Geheimtipp, wie ich jedes Gespräch und jeden Vortrag erfolgreich über die Bühne bringen kann.

Authentizität ist keine Präsentationstechnik

Auf keinen Fall im Dialekt sprechen. Gut gemeinter Tipp für Präsentationen und öffentliche Auftritte

Ich war vor ein paar Tagen mit einem Freund bei einem Konzert im Grazer Explosiv. Als wir in den Konzertbereich eintraten, stand bereits ein Musiker auf der Bühne. Im ersten Moment hat mir die Musik gut gefallen und ich war gespannt, wie die Show weitergehen würde. Dann war das Lied vorbei, die Musik stoppte und der Künstler begann in sein Mikrofon zu sprechen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wovon er genau gesprochen hatte – ich weiß nur noch Eines: Es klang unecht.

Was genau meine ich mit unecht? Nun, es hörte sich an, als würde jemand auf der Bühne stehen, der sich anders verhält als normal. Jemand der mir etwas vorspielt. Der Grund für diese Stimmung oder dieses Gefühl war, dass der Musiker offensichtlich versuchte, nicht im Dialekt zu sprechen. Er hatte sich gequält hochdeutsch zu reden und öfter als einmal lustig geklungen, beim Versuch einen professionellen Eindruck zu vermitteln. Denkt einfach an eine Präsentation während eurer Schulzeit in der ihr selbst oder ein Mitschüler krampfhaft versucht hat, den Tipp auf keinen Fall im Dialekt reden in die Praxis umzusetzen und ihr wisst wovon ich spreche.

Damit wir unseren Gegenüber ernst nehmen können und ihm oder ihr Aufmerksamkeit schenken, wollen wir ihn oder sie selbst sehen. Niemand interessiert sich für jemanden, der sich auf eine Bühne stellt, um sich zu verstellen um nur ja keinen negativen Eindruck zu hinterlassen. Dieses Verhalten hat genügt, um die Präsentationen während der eigenen Schulzeit hinter sich zu bringen, ist aber keine Grundlage dafür, sich auf eine echte Bühne zu stellen und mit echten Menschen zu sprechen. Das geht nur, wenn man selbst echt sein kann und nicht der schlechten Angewohnheit verfällt, sich selbst zu verstellen.

Mich gibt’s nur einmal

Auf keinen Fall sich selbst verstellen. Mein neuer Tipp für Präsentationen und öffentliche Auftritte

Mit dem obigen Beispiel will ich nicht sagen, jeder müsse im schlimmsten Dialekt sprechen, den er oder sie zu bieten hat. Das wäre Schwachsinn! Was ich sagen will, ist dass es jeden Einzelnen von uns nur einmal gibt. Und wenn es uns gelingen würde in jeder Situation dieser eine Jemand zu sein und wir nicht versuchen würden uns an jede Situation anzupassen und uns dementsprechend zu verstellen, dann brauchen wir in Zukunft nicht mehr darüber nachzudenken, wie wir auf andere Menschen wirken und wen wir wie am besten überzeugen. Wie bräuchten nur noch zu sein.

Als ich damals den Vortrag beim Lecture Day im Kunsthaus in Graz gehalten habe, ist nach meinem Auftritt ein FH-Student auf mich zugekommen und hat mir erzählt, wie begeistert er von dem Vortrag gewesen wäre. Er hat mich gebeten, ihm einen Tipp zu geben, wie er selbst so einen Vortrag halten könnte. Abgesehen davon, dass mein Puls noch auf 180 war und ich erschöpft gewesen bin, kann ich mich noch daran erinnern, dass ich mir lange Zeit gelassen habe um ihm einen hilfreichen Tipp zu geben. Was ich auch noch weiß, ist dass mir nichts Sinnvolles oder zumindest Geistreiches eingefallen ist und ich etwas ähnlich Wertloses gesagt habe, wie ich war früher schon gut beim Präsentieren.

Heute kann ich das wiedergutmachen und einen sinnvollen Tipp geben: Auf keinen Fall sich selbst verstellen. Dieser Tipp verlangt nach einer kurzen Erklärung. Denkt noch einmal über euer Leben nach und versucht die Rollen, die ich am Beginn des Artikels beschrieben habe, kurz im Kopf durchzuspielen. Wer seid ihr, wenn ihr mit Teamkollegen sprecht? Wer, wenn ihr mit einem Kunden redet? Und wie unterscheiden sich diese beiden Charaktere von denen, die mit euren Partnern, Freunden, Eltern und Kindern reden? Die richtige Antwort sollte lauten ich bin ich und bleibe ich, egal in welcher Situation, egal mit wem ich kommuniziere.

Wie kann man das praktisch anwenden?

Eines gleich vorweg: Bloggen ist eine gute Idee. Warum? Ich kann mich beim Schreiben eines Artikels nicht verstellen und versuchen meinem aktuellen Gegenüber zu gefallen – ich muss in mich selbst hineinhören und versuchen herauszufinden, wer ich bin und dann versuchen das zu sein. Es gibt keine Taktiken beim (öffentlichen) Schreiben. Ich schreibe, was ich mir denke, wie ich es mir denke und entweder es gefällt einem oder es gefällt einem nicht. Im echten Leben könnte ich mich verstellen und mit jedem Einzelnen von euch so reden, wie ich glaube, dass es ihm oder ihr gefällt. Beim Schreiben gibt es diese Möglichkeit nicht und ich muss mich nicht darum kümmern jemandem zu gefallen, was wunderbar erfrischend ist.

Schreiben ist auf jeden Fall der beste, weil einfachste Weg um seine eigene Stimme zu finden. Ansonsten bleibt einem nichts anderes übrig als zu üben. Am einfachsten geht das natürlich in Situationen, in denen ihr mit Menschen sprecht, denen ihr sehr nahe steht. Eines der Experimente, welches ich versuche ist z.B. meiner Freundin und meinen Freunden gegenüber derselbe Mensch zu sein – absichtlich. Ich kenne so viele Menschen, die sich ihrem Partner gegenüber vollkommen anders verhalten, als in ihrem Freundeskreis. Zu Hause spielen sie z.B. den Braven und unter Kumpels lassen sie die Sau raus. Versucht einfach einmal absichtlich auf dieses Verhalten zu verzichten. Das hat natürlich noch dazu den Vorteil, dass euch einge Menschen deswegen weniger gerne haben und dieses Verhalten vielleicht nicht akzeptieren, was natürlich super ist, weil ihr automatisch merkt, wer wirklich eure Freunde sind und wer euch nur unter bestimmten Umständen mag.

Und auf lange Sicht sollte es ohnehin das Ziel sein, dass man sich sich selbst und anderen gegenüber integer verhält und die Übereinstimmung zwischen idealistischen Werten und tatsächlicher Lebenspraxis erreicht – nicht in jedem kleinsten Detail, aber im Ganzen, wie Wikipedia verrät. Das mag sich romantisch und von mir aus realitätsfremd anhören, ist aber die einzige Möglichkeit, glücklich und zufrieden durchs Leben zu gehen.

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Bisher 2 Kommentare

  1. Bianca K20. März 2012

    Die Ursachen für das oft krampfhafte Verstellen und „nicht man selbst sein“ sind vermutlich die Angst vor Ablehnung, und der normale menschliche Drang sich an Situationen und an seinen Gegenüber anzupassen.

    Ich glaube aber, dass „man selbst sein“ viel bedeuten kann. Du nennst das Beispiel mit dem Freund, der zu Hause brav ist und mit Freunden die Sau rauslässt. Das muss sich nicht zwangsweise widersprechen. Dass man in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Rollen einnimmt, ist nicht immer ein „Verstellen“. Wenn ich zB im Kreise meiner Familie bin, falle ich gerne in eine kindlichere Rolle zurück, mit manchen Freunden mach ich gerne Party, mit anderen wiederum unterhalte ich mich mehr. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich bei ihnen verstelle oder nicht ich selbst bin.

    Ich habe deinen Vortrag beim Lecture Day auch gehört und war sehr beeindruckt von deiner Lockerheit und Professionalität.

    Sich nicht zu verstellen, ist auf Dauer sicher der richtige Weg. Mit sich selbst auf diese Weise ins Reine zu kommen, ist aber bestimmt eine große Herausforderung.

  2. Stefan20. März 2012

    Du hast recht. Es geht bei deinen Beispielen nicht darum, sich zu verstellen sondern eher darum, verschiedene Facetten seines Selbsts kennenzulernen und auch auszuleben. Das ist nichts Schlechtes – im Gegenteil. Es sollte halt im Großen und Ganzen zusammenpassen und nicht dazu führen, dass man sich in seinem eigenen Verhalten verschiedenen Mensch gegenüber selbst widersprechen muss. Danke für den Hinweis. :)

Du hast eine Meinung dazu? Wir freuen uns :)

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