Simplease-Logo

Im Simplease-Blog schreiben wir über Design, Web-Entwicklung und unser Leben als Selbstständige.

Die Sicherheitsvariante gibt es nicht mehr

von Stefan Rössler am 4. Oktober 2011

10 Kommentare zuletzt von Ignaz

Man könnte glauben, dass Selbstständige mutige Menschen sind. Sie verzichten freiwillig auf geregelte Arbeitszeiten und vor allem auf ein geregeltes Einkommen. Doch wie sieht eigentlich die Alternative aus?

Ihr wisst schon, die Sicherheitsvariante: 8 Stunden täglich, 5 Tage die Woche, mit ca. 4 bis 6 Wochen Urlaub im Jahr, und der Gewissheit, Jahre für die heißerwartete Pension zu sammeln. Die Geschichte, die uns unsere Eltern und Lehrer oft erzählen. Diese Geschichte hat sich als Märchen entpuppt. Die Sicherheitsvariante gibt es nicht mehr.

Pünklich und fleißig – so ein Schwachsinn!

Es gibt genau zwei Dinge, auf die es in der Schule ankommt. Man muss pünklich erscheinen und man muss natürlich fleißig sein. Am besten 100% Anwesenheit und alles Einser. Genau dasselbe gilt auch für die Arbeit: Am liebsten sind dem Chef die Mitarbeiter, die nie im Krankenstand sind, und jede Anweisung befolgen – vorzugsweise ohne blödes Nachfragen.

Während das Thema Schule und Bildung mittlerweile zumindest hinterfragt wird, und die Meisten ohnehin schon bemerkt haben, dass unser Schulsystem genau das Gegenteil von optimal ist, scheint sich das in der Arbeitswelt noch nicht herumgesprochen haben. Noch immer glauben viele, dass es darauf ankommt, pünktlich zu sein und brav seine Arbeit zu erledigen. Das mag vor 50 Jahren auch gestimmt haben, vielleicht auch noch vor 20 Jahren. Aber jetzt mal im Ernst – glaubt wirklich noch jemand daran, dass es reicht, brav Anleitungen zu befolgen und zu hackeln, bis es nicht mehr geht?

Rationalisierung – tut uns leid

UPC hat vor ca. zwei Wochen um die 50 Mitarbeiter abgebaut – strategische Neuausrichtung. Blöd gelaufen. Anderswo schließt ein Werk mit ein paar Hundert Mitarbeitern, weil die Firma a) ein Maschine gebaut hat, die dieselbe Arbeit machen kann, oder b) in Asien einfach billiger produzieren kann. Wo bleibt da jetzt die Sicherheit, frage ich mich.

Vor mittlerweile zwei oder drei Jahren war die Niederlassung eines internationalen Konzerns, in dem einige Verwandte und Freunde von mir arbeiten, kurz davor zu schließen. Irgendwie ist es sich dann doch noch ausgegangen – Kurzarbeit & Co seis gedankt. Da frage ich gleich noch einmal, Sicherheit? Echt jetzt?

Angst vor der Selbstständigkeit

Sie begleitet wohl jeden Selbstständigen, und sie sitzt einem im Nacken, und manchmal überkommt sie einen wieder. Die Angst davor selbst zu entscheiden und selbst verantwortlich zu sein. Diese Angst ist auch ganz normal – der Unterschied von Selbstständigen zu Angestellten oder Arbeitern ist nur, dass wir diese Angst spüren, und selbst etwas dagegen tun können.

Manche arbeiten vielleicht in ihrem 40-Stunden-Job und kennen diese Angst nicht. Das ist aber nicht, weil sie für sie nicht existiert, sondern nur weil sie ohnehin nichts dagegen tun können. Jemand den man unter Umständen nicht einmal kennt – oder gerade jemand, den man nicht kennt, als jemand, auf den man keinerlei Einfluss hat –, entscheidet für einen. Das ist nicht Sicherheit, das ist Ohnmacht.

Wer da noch meint, Selbstständige seien mutig, hat die Situation nicht ganz verstanden. Selbstständige bringen nur den Mut auf, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und lassen ihre Entscheidungen nicht von anderen treffen, um nur ja keine Angst haben zu müssen, Fehler zu machen.

Remote Usability Tests - einfach gemacht.
Vorheriger Artikel: Die überraschend einfachen Geheimnisse eines guten Interviews
Nächster Artikel: Vorsicht vor den „Kreativen“

Bisher 10 Kommentare

  1. Tobias van Schneider5. Oktober 2011

    Um es auf den Punkt zu bringen: Selbstständige übernehmen die Verantwortung, nicht nur für sich selber, sondern auch für viele andere.

  2. Stefan5. Oktober 2011

    Kann man so sehen. Es geht aber eher darum, dass sich niemand aus der Verantwortung stehlen kann. Früher war es möglich, dass einige wenige die Verantwortung getragen haben – für sich selbst und für andere, heute funktioniert das nicht mehr. Es genügt nicht mehr, nur Anleitungen zu befolgen und pünktlich aufzukreuzen. Noch vor 50 jahren wurden diese beiden Eigenschaften mit einer lebenslangen Anstellung und Bezahlung belohnt. Heute kann morgen schon alles vorbei sein, und du findest dich beim AMS wieder.

  3. Werner5. Oktober 2011

    ich sehe das nicht so. 99% unseres job-daseins verbringen wir nicht mit den im blog beschriebenen negativeffekten wie jobverlust etc. sondern mit unserer täglichen arbeit, d.h. der artikel beschäftigt sich mit den 1% mit denen wir so gut wie nie konfrontiert sind. 99 und 1 sind rein hypothetisch, vielleicht ist es sogar 99,9:0,1.

    in den 99% der fälle mit denen wir es wirklich zu tun haben verhalten sich die entscheidungskriterien ob angestellt oder selbstständig ganz anders, da geht es um ausrichtungsfragen, ob man willens ist den organisatorischen part eines unternehmensaufbaus auf sich zu nehmen oder ob man daran kein interesse hat und sich lieber in einer großen struktur anstellen lässt die andere verwalten. beides kann einen beruflich erfüllen, ob sicherheitsvariante oder nicht ist jedenfalls in der praxis nicht das kriterium.

  4. Tobias van Schneider5. Oktober 2011

    Sehe das wie Werner. Verstehe nicht, was sich da großartig verändert hat.

    Persönliches Interesse, Selbstständigkeit, Eigenverantwortung bzw. Eigeninitiative hat sich schon immer auf den Job als Angestellter ausgewirkt, und das tut es heute noch.

    Auch heute werden gewisse Parts (je nachdem WO du dich im Unternehmen befindest) genauso mit lebenslanger Anstellung sowie einer gleichbleibenden Anstellung belohnt.

    Es hat sich genau genommen nichts verändert. Jeder findet den zu ihm passenden Job. Dass jene, die MEHR machen immer mehr Vorteile genießen werden, war schon immer so.

  5. Stefan5. Oktober 2011

    Es scheint als würde in meinem Artikel stehen, dass jeder seinen Job an den Nagel hängen sollte, und sofort selbst ein Unternehmen gründen muss.

    Ich hab’s mir jetzt noch einmal durchgelesen, und es steht nichts davon drinnen, dass jeder Angestellte und Arbeiter 100% seiner Zeit in Angst und Schrecken lebt. Ich behaupte nur, dass Selbstständige gar nicht so gefährlich leben, wie es oft dargestellt wird. Damit spreche ich vor allem die Leute an, die einem sagen, man solle sich einen richtigen Job suchen, und damit meinen, dass man in einem möglichst großen Betrieb arbeitet muss, um einen sicheren Job zu haben.

    Dieser Gedanke, diese Idee des Too-Big-to-Die, um den geht es mir. Das war vor 20 Jahren noch so etwas wie eine unumstrittene Wahrheit, und leider glauben viele, dass das jetzt noch immer so ist. Deshalb nimmt man eine Stelle in einem großen Unternehmen an, um sich keine Sorgen mehr machen zu müssen. Mag sein, dass 99% der Zeit auch keine Gefahr besteht – was mich aber ärgern würde, wäre, dass wenn es gefährlich wird, jemand anders entscheidet, was mit mir passiert, und ich selbst nichts mehr machen kann … auch wenn ich 99% meiner Zeit brav und fleißig war.

    @Tobias: Wenn du meinst, dass sich in dieser Hinsicht nichts geändert hat, hast du noch nie mit jemandem gesprochen, der in Kurzarbeit geschickt wurde, oder eine zeitlang arbeitslos war. Schau dich einmal um in deinem Freundes- und Bekanntenkreis um. Ich trau mich wetten, du wirst ein paar Leute finden, die von heute auf morgen keinen Job mehr hatten.

    Und zum Thema MEHR machen: Ein Freund von mir hatte bei uns den Ruf des ewigen Arbeiters. Er ist jeden Tag gegen 19:00 Uhr nach Hause und hat jeden 2. Samstag gearbeitet. Glaubst du das hat die Unternehmensführung interessiert, als sie einen neuen Standort in Ost-Europa eröffnet haben?

  6. Werner5. Oktober 2011

    Stefan, worin besteht das Problem wenn jemand eine andere Meinung hat als du?

    Ich sehe die Sache an sich nach wie vor so: Sowohl als Selbstständiger als auch als Angestellter entscheiden auch andere ob dein Job funktioniert oder nicht. Im ersteren Fall entscheiden deine Kunden (also nicht du) ob sie deine Dienste in Anspruch nehmen wollen und wenn sie das nicht wollen kannst du nichts dagegen machen. Im zweiten Fall kann es sein dass irgend jemand in der Unternehmenshierarchie über deinen Job entscheidet ohne dass du Einfluss darauf hast. In beiden Fällen hilft es wenn man engagiert ist und gute Arbeit leistet. Sowohl die Kunden als auch die Vorgesetzten werden zufrieden sein und keine Sorge - wenn man der beste Mitarbeiter des Unternehmens ist wird man nicht gekündigt, dann wird man befördert und steht im Extremfall irgendwann mal an der Spitze des Unternehmens. Als Selbstständiger rennen einem die Kunden die Türe ein und man wird reich. Wenn man nicht gut arbeitet wird im einen wie im anderen Fall nichts draus, da besteht kein großer Unterschied.

  7. Tobias van Schneider5. Oktober 2011

    Lieber Stefan

    1. Wir haben uns anscheinend Missverstanden. Wenn du nur darauf hinaus wolltest dass „Selbstständige gar nicht so gefährlich leben“ stimmt ich zu. Das hätte man aber auch kürzer ausdrücken können.

    2. Du entscheidest immer was mit dir passiert, auch wenn viele sich dessen nicht bewusst sind. Mir ist durchaus bewusst dass viele glauben sie „arbeiten brav“ und wundern sich dann warum sie keinen Job mehr haben. Auch hier gilt wie immer, die Ausnahme bestätigt die Regel.

    3. Ich kenne einige denen es so erging, aber das ist hier nicht der Punkt.

    4. Bis 19Uhr und jeden 2ten Samstag arbeiten schützt einen (und da sind wir uns sicher einig) nicht davor dennoch seinen Job zu verlieren. Oftmals geht es nichtmal darum ob man diszipliniert arbeitet, oder es an Kompetenzen mangelt, sondern lediglich daran wie naiv man ist.

    Alles hat seine Gründe, auch wenn es oftmals nicht so scheint.

  8. Stefan5. Oktober 2011

    @Werner: Es ist kein Problem, dass du anderer Meinung bist als ich. Es ärgert mich nur, dass ich mich nicht klar ausdrücken konnte.

    Ich will gar nicht sagen, dass die Selbstständigkeit einem Angestelltenverhältnis vorzuziehen ist. Ich will nur sagen, dass es gar nicht so größenwahnsinnig ist, selbstständig zu sein, wie man das oft denkt. Vielleicht besser gesagt, wie ich mir das immer gedacht habe.

    Dass die Kunden entscheiden – also man wieder nicht selbst alles in der Hand hat – stimmt zu 100%. Genau das ist auch mein Punkt. Als Selbstständiger weiß man das. Ich denke nur, dass manche Angestellte und Arbeiter nicht wissen, dass Fleiß alleine keine Garantie ist. Sie hängen ja nicht nur von den Kunden des Unternehmens ab, sondern noch dazu von Entscheidungsträgern, die über ihnen stehen. Sie stehen also einem doppelten Risiko gegenüber, und fühlen sich dabei aber sicher. Und diese Sicherheit ist eine Illusion. Vielleicht die selbe Illusion, wie als Selbstständiger zu glauben, man hätte als selbst in der Hand, aber doch eine Illusion.

    @Tobias: Du hast absolut recht – vor allem damit, dass es kürzer gegangen wäre ;)

    Nur ob Naivität der einzige Grund ist, warum Menschen arbeitslos sind – außer denen, die eh nicht arbeiten wollen – bin ich mir nicht ganz sicher.

  9. Doris6. Oktober 2011

    Najo, so allgemein kannst des ned sagen.. aber schon klar das des für euch ned so arg des Problem is; bezahlter oder unbezhalter Mutterschutz macht schon einen Unterschied ;)

  10. Ignaz8. Oktober 2011

    Vor 50 Jahren, das war so um 1960, oder ? Mag sein, daß damals Pünktlichkeit, Verläßlichkeit und dergleichen Werte in der Arbeitswelt mehr Gewicht hatten, als heute. Die Schlagworte haben sich halt geändert, das heißt jetzt Teamfähigkeit und Flexibilität.

    Doch auf seinen Arbeitsplatz konnte man sich ebenso wenig verlassen wie heute. Die Sicherheitsvariante gab es in Wirklichkeit noch nie. Sie ist ein schöner Traum. Ich wundere mich schon immer, wie Menschen einen Anspruch auf ihren Arbeitsplatz erheben können und beleidigt sind, wenn sie trotz ihrer guten Leistungen plötzlich auf der Straße stehen. Das kann und konnte einem überall und jederzeit passieren, außer als Beamter. Merke: Ich liefere eine Leistung ab und bekomme dafür Geld. Was ich da hineininterpretiere, ist Angelegenheit meiner Phantasie. Viele verwechseln das „unbefristet“ an einer Arbeitsstelle mit „unendlich“.

    Jedenfalls weiß ich, daß mein Vater Ende der 60er auch seinen Job los wurde und sich dann selbständig gemacht hat. Das ging wohl einige Zeit gut, bis ihn sein Partner aufs Kreuz gelegt und die Waren aus dem Lager heimlich im Dorotheum verschachert hat. Eine andere Geschichte halt.

    Ich selbst war auch eine Zeit lang selbständig und habe die Erfahrung gemacht, daß dies nicht meine Sache ist. Klinkenputzen, säumigen Kunden nachrennen, Steuer hier, SVA dort, und immer schön schauen, daß die Ausgaben das Einkommen minimieren, damit die Abgaben Dir nicht zuviel wegfressen. Zwischen all dem Papierkram und der Telefoniererei die Aufträge abarbeiten. Wenn Du Unterstützung suchst, schickt Dir das AMS Leute, die nur Deine Unterschrift wollen.

    Einziger Vorteil: Am Ende kommt, wenn man alles halbwegs richtig gemacht hat, für die Stunde wenigstens das doppelte Geld rein Netto heraus, verglichen mit einem Angestelltendasein.

    Als Auftragnehmer ist man aber um nichts besser gestellt, man hat kaum mehr Möglichkeiten, als als gut integrierter Angestellter. Man muß genauso pünktlich und verläßlich oder sogar noch pünktlicher und verläßlicher sein, man kann sich oft nicht trauen, eine Arbeit abzulehnen, und nach Dienstschluß ist meistens - kein Dienstschluß.

    Wer freilich über genügend Kapital(geber) verfügt, Spaß darn hat, Unternehmerisch zu agieren, gewisse Freiheiten genießen möchte, und - vor allem anderem - einen Sinn fürs Geschäft hat, ist prädestiniert zur Selbständigkeit.

    Die Sache mit der Verantwortung klingt ja schön und gut, aber ich hab noch keinen Unternehmer gesehen, dem nicht in der Krise das Hemd näher als die Hose gewesen wäre. Jemanden zu entlassen ist nicht strafbar, und auch nicht böse. Auf der anderen Seite darf man sich auch als Unternehmer nicht wundern, wenn der erhoffte oder sogar versprochene Großauftrag nicht kommt, bzw. gecancelled wird, sodaß man nächstes Monat schon in den Ausgleich oder gar Konkurs gehen muß, weil die Bank endgültig den Hahn zudreht. Manche agieren leider in kargen Zeiten unglücklich, haben nicht genügend Rücklagen, oder brauchen diese zu schnell auf.

    Noch ein Wort zur sog. „Restrukturierung“. Das sollte auch mittlerweile ein jeder mitgekriegt haben, daß in großen Firmen dieser Vorgang nur dazu nutze ist, Mitarbeiter (nie die Führung) leichter abbauen zu können, oder Gehaltskürzungen (nie die der Führung) zu argumentieren usw. Die Restrukturierung selbst kommt praktisch nur an der Oberfläche zu stande, und wird nur in den seltensten Fällen gelebt.

    So, das war jetzt mal Querbeet, nur noch eins @Doris, gänzlich unbezahlt ist auch bei Selbständigen der Mutterschutz nicht, siehe help.gv.at.

Du hast eine Meinung dazu? Wir freuen uns :)

Nach Kategorie filtern

Produkte von Simplease

Userbrain - Usability Testing

User-Tests einfach und am laufenden Band.
Mehr erfahren

Neue Artikel per E-Mail

Facebook Link Twitter Link