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Im Simplease-Blog schreiben wir über Design, Web-Entwicklung und unser Leben als Selbstständige.

Was ist am wichtigsten bei Usability-Tests?

von Stefan Rössler am 26. August 2011

In Usability-Tests wird die Benutzerfreundlichkeit eines Produkts getestet. Die Art des Produkts spielt dabei keine Rolle. Testen kann man Milchpackungen genauso wie Staubsauger oder Webshops. Es gibt jede Menge Literatur zum Thema Usability-Tests, die wir ausnahmslos empfehlen können. Der Grund dafür ist einfach: Usability-Tests sind nützlich.

Bleibt nur die Frage, worauf es bei Usability-Tests ankommt. Ist es das Usability-Labor, in dem man testet, sind es die Videos, die man von den Tests macht, oder ist es das Dokument, in dem die entdeckten Usability-Probleme aufgezählt werden? Wir versuchen eine Antwort auf die Frage zu geben, was bei Usability-Tests am wichtigsten ist, in dem wir Geschichten unserer eigenen Tests erzählen.

Wir haben Usability-Tests von Prototypen und fertigen Produkten gemacht, angefangen bei einfachen Websites bis hin zu einem Telemonitoring-System für Herzinsuffizienz-Patienten. Dabei haben wir mit Mechanikern in einer Werkstatt genauso getestet, wie mit Senioren in einem Krankenhaus. Unserer Erfahrung nach gibt es 2 unterschiedliche Arten von Usability-Tests:

  1. Man testet seine eigenen Produkte
  2. Man testet Produkte von Anderen

Der Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Usability-Tests, bringt uns der Antwort auf die Frage, was bei Usability-Tests am wichtigsten ist, ein ganzes Stück näher. Fangen wir also mit dem größten Unterschied an: Selbst testen ist einfach und schnell, Produkte von Anderen zu testen ist kompliziert und langwierig.

Wie kann man selbst testen?

Um zu erklären, warum selbst testen einfacher und schneller ist, beschreiben wir kurz, wie wir eine Web-Anwendung für ein Radgeschäft entwickelt haben. Unsere Software hat die Aufgabe den Mitarbeitern des Fitstore24 – Bikepalast Kohl dabei zu helfen, Rad-Services zu verwalten. Nachdem wir mit den einzelnen Mitarbeitern gesprochen haben, haben wir erste Prototypen gebaut, die wir sofort testen können.

Bei Usability-Tests wollen wir nicht hören, wie den Leuten unser Design gefällt, sondern sehen, ob sie damit umgehen können, und ob sie es verstehen. Aus diesem Grund sehen unsere ersten Prototypen auch aus, wie erste Prototypen. Es gibt keine Grafiken, keine Verzierungen, und so gut wie keine Farben. Wichtig ist bei diesen Prototypen nur, dass man sie benutzen kann. Das heißt, dass man die Buttons wirklich klicken kann, dass man Text markieren kann, und dass man Formulare ausfüllen kann.

Bereits nach einem einzigen Usability-Test haben wir etwas Grundlegendes über Design gelernt: der erste Entwurf ist meistens nicht gut. Man braucht nur an James Dyson zu denken, der fünf Jahre lang Prototypen gebaut und getestet hat, bevor er 1983 seinen ersten Staubsauger auf den Markt brachte (Quelle: Wikipedia). Ideen sind das Eine, wirklich wichtig ist aber, wie man seine Ideen ausführt. Nur darauf kommt es an.

Wir haben selbst gelernt, dass uns Usability-Tests dabei helfen, unsere eigenen Ideen besser ausführen zu können. Das bedeutet, dass wir nicht monatelang an einem Produkt arbeiten, ohne unsere Lösungen zwischendurch zu überprüfen. Wir polieren unser Design nicht auf Hochglanz, bevor wir nicht sicher sein können, dass es einfach zu benutzen ist.

Der größte Vorteil unserer Prototypen ist, dass wir sie ganz einfach testen können. Alles was wir brauchen, ist unser Macbook und eine Screenrecording-Software wie Silverback. Unsere Prototypen sind, wie dieser Blog-Artikel, ganz normale HTML-Seiten, und können in jedem Browser angezeigt werden. Wenn wir also mit dem Mechaniker in der Werkstatt testen wollen, stellen wir unser Laptop einfach auf die Werkbank, öffnen den Browser, klicken auf Aufnahme, und der Usability-Test beginnt.

Usability-Tests zu moderieren ist einfach. Es gibt in Wahrheit nur eine Sache, die man nicht vergessen darf: Man testet nicht, um ein gutes Test-Ergebnis zu erhalten, sondern um Fehler zu entdecken. Wenn man als Moderator gefragt wird, wie etwas funktioniert, gibt man darauf keine Antwort, sondern fragt zurück. Was meinst du, wie das funktioniert? Was glaubst du? Was würdest du dir erwarten, wie das funktioniert?

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Die erste Frage ist immer dieselbe: Was siehst du? Wenn wir einer Testperson die Website oder das Produkt zeigen, das wir testen wollen, bitten wir sie immer darum, zu beschreiben, was sie sieht. Das ist wichtig, weil wir während des gesamten Tests, nur Wörter verwenden, die wir von den Testpersonen selbst gehört haben. Wenn der Mechaniker z.B. sagt, dass er Räder sieht, die heute repariert werden, sprechen wir nicht plötzlich von Service-Terminen, sondern bleiben bei Rädern, die heute repariert werden.

Wir bringen kein neues Vokabular in die Tests, sondern wiederholen nur, was wir von den Testpersonen gehört haben. Auf diese Weise beeinflussen wir das Test-Ergebnis nicht, und erfahren noch dazu etwas darüber, wie die unterschiedlichen Menschen denken. Diese Informationen sind vorallem bei Websites und Software unerlässlich, weil sie uns sagen, wie wir die Menüpunkte benennen können, und welche Bezeichnungen bei den Labels eines Formulars am besten funktionieren.

Was ist der Unterschied zu Produkten von Anderen?

Bis jetzt, gar keiner. Die Tests selbst sind immer einfach und schnell zu machen. Der große Aufwand von Usability-Tests für Produkte von Anderen beginnt, wenn die Tests abgeschlossen sind. Wenn wir unsere eigenen Produkte testen, setzen wir uns kurz zusammen, schauen die Videos an, und verbessern dann unsere Prototypen. Wenn wir andere Produkte testen, setzen wir uns zusammen, schauen die Videos an, und beginnen damit, ein Dokument zu erstellen.

Der Grund dafür ist, dass wir den Entwicklern des Produkts zeigen müssen, welche Probleme wir entdeckt haben. Wir waren selbst bei den Usability-Tests dabei. Wir brauchen also keine Dokumente, in denen erklärt wird, was Usability ist, und wie problematisch die einzelnen Usability-Fehler sind. Damit aber auch die Menschen, die nicht bei den Tests dabei waren, verstehen, was wir entdeckt haben, müssen wir uns hinsetzen, und jede einzelne Erkenntnis aufschreiben.

Wir müssen jeden Fehler und jedes kleine Problem, in Kategorien einteilen, und nach Wichtigkeit sortieren. Diese Arbeit dauert oft Tage, und setzt voraus, dass jeder, der am Usability-Test beteiligt war, daran mitarbeitet. Das Ergebnis ist ein Dokument mit 30 bis 50 Seiten voll mit Beobachtungen, Bewertungen und evtl. Handlungsempfehlungen. Es gibt eine Sache, die wir über diese Dokumente gelernt haben: Sie werden nicht gelesen.

Als wir vor einiger Zeit Usability-Tests für das zuvor erwähnte Telemonitoring-System gemacht haben, ist uns aufgefallen, wie wertlos Dokumente sind. Wir haben damals einen Workshop mit unserem Auftraggeber gemacht, und haben dabei über die Usability-Tests gesprochen, und über Verbesserungsvorschläge diskutiert. Nach dem Workshop, haben wir die gemeinsam entwickelten Vorschläge, noch mit in unser Dokument gepackt, weil wir nicht nur zeigen wollten, welche Probleme wir entdeckt hatten, sondern wie man die Benutzerfreundlichkeit verbessern könnte.

Das Ergebnis unsere Arbeit war ein ca. 40 Seiten lange Dokumentation, mit allen Bestandteilen, die enthalten sein müssen. Wir hatten eine Executive Summary, eine Liste aller Usability-Proleme, mit Bewertung und einem Vermerk, an welcher Stelle in welchen Videos, man diese Probleme beobachten kann. Wir waren stolz auf unser Ergebnis, weil wir viele Fehler entdecken konnten, und auch einige Ideen hatten, um das Produkt zu verbessern. Es gab nur ein Problem mit unserem Ergebnis: es war ein totes Dokument.

Wir haben Tage damit verbracht, unsere Erkenntnisse zugänglich zu machen, und zu dokumentieren. Leider waren unsere Bemühungen umsonst. Es dauert einige Stunden, um unsere Dokumentation zu lesen, und nebenher alle Videos anzusehen, um die verschiedenen Probleme auch wirklich verstehen zu können. Ein Auftraggeber, der sich nicht die Zeit nimmt, selbst bei den Usability-Tests dabei zu sein, nimmt sich auch diese Zeit nicht. Das Ergebnis ist ein Dokument, das mitsamt aller Videos in der Schublade verschwindet.

Was ist jetzt am wichtigsten bei Usability-Tests?

Diese Geschichten liefern uns die Antwort darauf, was bei Usability-Tests am wichtigsten ist. Es geht nicht darum professionelle Dokumente zu erstellen. Es geht auch nicht darum, in einem Usability-Labor zu testen, oder jeden einzelnen Fehler genau zu dokumentieren. Es geht um etwas vollkommen Anderes: Usability-Tests sind die Grundlage für kommende Verbesserungen. Wenn man nach einem Test, sein Produkt nicht weiterentwickelt und verbessert, war jede einzelne Sekunde, und jeder einzelne Cent, nichts weiter als Verschwendung.

Wir empfehlen deshalb selbst zu testen, oder zumindest selbst beim Test anwesend zu sein. Man braucht nicht unbedingt spezielles Equipment, um Usability-Tests durchführen zu können. Wenn ich erste Prototypen teste, zeige ich sie einer Freundin oder einem Freund, und frage wie in jedem Usability-Test: Was siehst du? Was glaubst du, dass du damit machen kannst? Diese informellen Tests brauchen keinerlei Vorbereitung, und sind um 100% effektiver als externe Experten zu engagieren, die Usability-Tests durchführen, um anschließend ein totes Dokument zu erstellen.

Natürlich kann man bei Usability-Tests hunderte Dinge falsch machen. Es ist aber wichtig zu wissen, dass das nicht so schlimm ist. Es ist nicht wichtig, wie viele Leute man testet. Es ist nicht wichtig, ob man die Tests aufzeichnet oder nicht. Es ist auch nicht wichtig, ob man als Moderator Fehler macht oder nicht. Es ist nur wichtig, dass man seine Produkte testet, und die Erkenntnisse aus den Tests nutzt, um sie wirklich zu verbessern.

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Bisher 2 Kommentare

  1. Pingback Carrot on a stick: Usability Review von experteer.at | Simplease Blog10. Oktober 2011

    […] Was ist am wichtigsten bei Usability-Tests? […]

  2. Pingback Usability-Tests mit Papier-Prototypen | Simplease Blog30. Oktober 2011

    […] sind nützlich und wir haben bereits darüber geschrieben, wie wir Usability-Tests durchführen und worauf es uns dabei ankommt. In diesem Artikel erzähle ich, wie wir Papier-Prototypen testen und erkläre wie ihr solche Tests […]

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